Corona

Corona-Essay  (4)  von Dieter Heymann
„Meine Gedanken hinter den Nachrichten“
2. Juni 2021

 

Die Kommunikation mit den Rundmail-Empfängern der Corona-Essays erweist sich einmal mehr als sehr bereichernd für mich und hoffentlich auch für alle Leserinnen und Leser. Für einen Teil ganz bestimmt. Das erkenne ich jeden Morgen, wenn ich eingegangene Emails lese. Kurz nach dem Versandtermin der Rundmails sind es viele, die Anzahl wird dann mit jedem Tag etwas weniger. Und jedes Mal habe ich interessante Zuschriften erhalten. Bei vielen handelt es sich oft auch um Schilderungen privater Erlebnisse in diesen Zeiten.

 

Wie haben wir eigentlich die Corona-Krise bisher bewältigt? Einige sehen das positiv, sie haben alles recht gut hingekriegt. Andere sind enttäuscht von der Politik, der Wirtschaft, von einigen Wissenschaftlern der Epidemiologie und Virologie, vom Robert-Koch-Institut und der am RKI ehrenamtlich tätigen Ständigen Impfkommission, vom Paul-Ehrlich-Institut und der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Vieles sei da schiefgegangen und wurde auf dem Rücken von Pflegekräften und Ärzten ausgetragen. Unsere deutsche Bürokratie mit festgelegten, starren Kompetenzen stand Lösungen im Wege. Nachfolgende Generationen werden fragen, warum es zum Beispiel damals ein solches Chaos im deutschen Föderalismus zwischen Bund und Ländern gegeben hat. Oder warum alte Menschen in den Seniorenheimen weggeschlossen wurden und vielleicht auch warum so viele Menschen in dieser Pandemie gestorben sind und nahe Angehörige nicht zu den Beerdigungen zugelassen wurden. Mir ist das selbst passiert, dass ich nicht bei der Beerdigung meines besten Freundes dabei sein konnte, weil nur fünf Personen am Grab stehen durften.

 

Ein Leser schreibt mir: „Meine Solidarität gilt nun der Generation meiner Enkel, die zu meinen Gunsten und denen meiner Altersgenossen jetzt schon über ein Jahr still gehalten haben und wohl auch noch etwas still halten müssen! Also: das Schwadronieren über sofortige Rückgabe der Rechte, vor allem dass man wieder golfen, kreuzfahren etc. kann, ist nicht so meine Sache.“

 

Nach meiner letzten Rundmail telefonierte ich mit meinem amerikanischen professoralen Freund in Kalifornien, einem emeritierten Neuropsychiatrieprofessor, der auch eine bedeutende Rolle in meinem 2018 erschienen Buch „Weise altern“ spielte. Er fragte mich, wie es mir eigentlich geht und wie es mir ergangen ist seit über einem Jahr Pandemie. Und ob ich den Leserinnen und Lesern meiner Corona-Essays nicht einmal etwas Persönliches berichten möchte. Nichts leichter als das. Seit meiner Jugend schreibe ich Tagebuch und in diesen Corona-Zeiten noch regelmäßiger. Ich werde seinen Vorschlag aufgreifen.

 

Ganz spannend fand ich seinen Bericht über die Situation in den USA. Seine Frau und er selbst hatten die Impfung in einem Supermarkt erhalten. Natürlich sei es auch in Amerika anfangs wesentlich schwieriger gewesen, einen Impftermin zu erhalten, aber jetzt könne man überall eine Impfung bekommen. Impfstoffe seien massenweise vorhanden und man hätte jetzt  Probleme sie los zu werden. In USA gäbe es sehr viele Impfgegner, meinte er. Die Impfkampagne käme ins Stocken, weil immer mehr Menschen aus ideologischen oder religiösen Gründen, oder weil sie dem Staat misstrauten, sich nicht impfen lassen wollten. Viele verträten auch die Meinung, eine Impfung reiche für einen ausreichenden Schutz aus, die zweite käme doch nur den Impfstoffherstellern und ihren Zulieferanten zugute, und konkrete wissenschaftliche Beweise für deren medizinische Notwendigkeit gäbe es keine. „So sind sie halt, viele Amerikaner“, bemerkte er lakonisch. Die Deutschen seien ja eher pessimistisch, so seine Einschätzung. In den USA seien die Menschen viel optimistischer, aber auch oberflächlicher und mehr im Augenblick lebend.

 

Das Verdienst von Donald Trump sei zweifelsfrei, dass er zu Beginn viele Impfstoffe bestellt hätte. Aber auch der neue Präsident Joe Biden hätte gleich nach Amtsantritt Impfstoffe nachbestellt und massive Werbung fürs Impfen gemacht, indem er sich und seine Frau öffentlich impfen ließ. Mein Freund beobachtet das Geschehen aus der Ferne und blickt dabei auf Europa und Deutschland. Die Menschen in Deutschland sieht er in der Pandemie stark frustriert und enttäuscht über die mangelnde Führung der Politik während der Gesundheitskrise. Die Menschen seien kraftlos, so wie sich auch die deutsche Bundeskanzlerin am Ende ihrer Regierungszeit darstelle. Warum habe die Politik das, was in Deutschland passierte, nicht besser im Griff? Warum habe die in der Vergangenheit so stark aufgetretene Angela Merkel nicht alles daran gesetzt, die größte Gesundheitskrise der letzten 100 Jahre besser zu bewältigen? In den letzten zwei Wochen scheine die Stimmung in Deutschland besser zu werden, meint mein amerikanischer Freund. Immer mehr Menschen sähen wirklich Licht am Ende des Tunnels. Sie freuten sich wieder mehr an ihrem Leben, weil sie hoffen, in den nächsten Monaten endlich wieder alles in den Griff zu bekommen.

 

Ich berichtete ihm von der aktuellen Impfstatistik in Deutschland: Am Sonntag, dem 30. Mai 2021 wurden in Deutschland 270.927 Impfdosen verabreicht. Damit sind 14.615.052 Personen (17,6 % der Gesamtbevölkerung) vollständig geimpft. Insgesamt haben 35.755.407 Personen (43,0 %) mindestens eine Impfdosis erhalten. Ob das so weitergeht, ist abhängig von den Impfstofflieferungen, die immer wieder einmal ins Stocken geraten. Unser Gesundheitsminister Jens Spahn spricht jetzt von der „Spritze für alle ab Juni“. Noch vor den Sommerferien sollen Schüler ab 12 Jahren drankommen. Obwohl Rückmeldungen auf meine Rundmails optimistischer und positiver geworden sind, macht sich auf der anderen Seite auch mehr Ungeduld breit. Die Menschen möchten ihr „altes Leben“ zurückerhalten, wieder ins Restaurant gehen, in ein Flugzeug steigen und Urlaub machen. Die Aussichten sind nicht schlecht, bei rückläufigen Inzidenzwerten stehen Lockerungen der „Bundesnotbremse“ oder sogar deren Aufhebung an. Nach dem Stufenmodell sind seit Montag, dem 31. Mai 2021 auch in Darmstadt Erleichterungen zugelassen. Die Sieben-Tage-Inzidenz hatte zuvor mehrere Tage unter dem Schwellenwert von 50 gelegen und liegt nun aktuell bei 16,9. Dies bedeutet, dass mehr Kontakte und mehr Sport möglich sind, die Gastronomie Plätze für die Bewirtung anbieten darf und im Einzelhandel die Geschäfte wieder Kunden in den Geschäftsräumen bedienen dürfen.

 

Wie können wir uns mit der Krise versöhnen? Dazu möchte ich Sie wieder mitnehmen auf eine historische Reise durch die philosophische Begriffsgeschichte. Während meines Philosophiestudiums bei Prof. Petra Gehring an der TU Darmstadt habe ich mich im Sommersemester 2009 mit „Philosophischen Krisendiagnosen im 20. Jahrhundert“ beschäftigt. Woher kommt das Wort Krise und was bedeutet es? Der Begriff Krisis ist sehr alt. Die deutsche Übersetzung dafür ist Unsicherheit, bedenkliche Lage, Zuspitzung, Entscheidung, Wendepunkt, auch Meinung und Beurteilung. „Krise“ wird in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen auf sehr unterschiedliche Weise thematisiert: In der medizinischen Bedeutung stellt sie den Wende- oder Scheitelpunkt einer Krankheit dar, zum Leben, zur Gesundung oder zum Tod. Im psychologischen Sinne durchlaufen die meisten Menschen während ihres Lebens mehrere  Krisen: In der Kinder- oder Entwicklungs-psychologie sind es die frühkindlichen Trotzphasen, in der Reifezeit die Pubertät, dann folgt die Midlife-Krise und später die Latelife-Krise. Mit Krisis meinte man im 18. Jahrhundert in der Aufklärungsphilosophie das philosophische Urteilsvermögen. Letztlich ist Krise ein moderner Begriff, der erst ab dem 19. Jahrhundert verstärkt gebraucht wird. Die damals neu entstehende Gesellschaftswissenschaft verwendete ihn ebenso wie später die Wirtschaftswissenschaften, die Ökologie und die Systemtheorie als interdisziplinäres Erkenntnismodell, als ein weit verzweigter und heterogener Rahmen für einen interdisziplinären Diskurs. Um 1900 entstand eine Krise, die am ehesten als Lebensreformkrise, Kulturkrise oder ganz allgemein als Entwicklungskrise zu benennen ist. In diesem Zusammenhang schuf man neue wissenschaftliche Disziplinen, eben wie die Soziologie und Psychologie.

 

Wie muss das 1859 erstmals erschienene Werk „On the Origin of Species“ (Die Entstehung der Arten) von Charles Darwin, in der er die biologische Evolution beschreibt, die Menschen in eine tiefe Krise gestürzt haben. Darwin führt den Begriff der „natürlichen Selektion“ ein, als Reduzierung des Fortpflanzungserfolgs bestimmter Individuen einer Population mit der Folge, dass andere Individuen, die sich „überlebenstüchtiger“ erweisen sich stärker vermehren. Damit verbunden ist die sexuelle Selektion in der Auswahl von Individuen durch die Sexualpartner. Entscheidend ist nach Darwin, dass Erbanlagen derjenigen Merkmale weitergegeben werden, die von den Sexualpartnern bevorzugt werden, auch als künstliche Selektion in einer vom Menschen gesteuerten Zuchtwahl. Sie steigert den Fortpflanzungs-erfolg jener Individuen, welche die vom Züchter geförderten Eigenschaften besitzen. Darwins Theorien waren damals in aller Munde und wurden heftig und kontrovers vor allem in intellektuellen Kreisen diskutiert. Die gesellschafts- und insbesondere die religions-politischen Auswirkungen konnte man nicht überblicken und hatte gerade deshalb große Angst davor. Wenn wir mit Darwin verstanden haben, wie biologische Entwicklung funktioniert, stellt sich die Frage, dürfen wir in das Geschehen eingreifen, und ist das ethisch vertretbar?

 

Sie sehen, alles wiederholt sich, wellenförmig und in Zyklen. Ist die heute diskutierte Frage in der Pandemie nicht ganz ähnlich? Damals wie heute, müssen sich die Menschen ganz neuen Fragen stellen. Heute fragen wir bei der Begrüßung nicht mehr, „Wie geht’s“,  sondern eher „Bist du schon geimpft?“ Oder wie gerecht sind Priorisierungsgruppen in der Impfkampagne? „Solange der Corona-Impfstoff knapp ist, muss bei der Vergabe priorisiert werden“, heißt es.

 

Charles Darwin, einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler des 19. Jahrhunderts, stellte die Menschheit mit seiner Evolutionstheorie vor ganz besondere, grundlegende Fragen. Daran möchte ich nur in Auszügen einmal erinnern. „Sollte man einem kleinen Neugeborenen jegliche Hilfe zum Überleben geben oder seiner von der Natur aus gegebenen Schwäche überlassen? Wie ist das mit den Armen, Kranken und Hilflosen, soll man ihnen helfen oder sie ihrem Schicksal überlassen? Was ist der bessere Weg für sie?  

 

Ist die gerade neu erwachsene Kultur ein Fortschritt oder ein Nachteil für den Menschen? Ist es gut oder schlecht, wenn die Menschen mit immer mehr Fortschritt und Wohlstand leben?“ Plötzlich bekam man es mit der Angst zu tun und stellte Kardinalfragen. Stecken wir in der Zeit des Niedergangs und Zerfalls? Haben wir ein Ressourcenproblem? Werden wir Europäer von der Vitalität der Inder und Chinesen schon bald überholt? Woran sind eigentlich untergegangene Kulturvölker gescheitert? Es wurde über Degeneration und Dekadenz gesprochen.  Diese und viele andere Fragen waren Gegenstand fortschrittlicher Diskussionen, nicht nur der Intellektuellen jener Zeit.

 

Wie wir schon gehört haben, beinhaltet eine Krise immer auch einen Appell zum Handeln. Und um 1900 ging es auch um eine Reform der Ethik. Ethik bedeutet eine Auswahl von Werten und wenn diese verändert werden, verändert sich damit auch die Gesellschaft. Das erklärt auch das Entstehen neuer Wissenschaften, die Forderung nach mehr Empirie. Man braucht mehr Wissen über die Gesellschaft, über ihren physiologischen Zustand (Anthropologie), auch über das Verhalten der Menschen, ihrem Zusammenleben (Psychologie) und der Soziologie.  
Gleichzeitig kam in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die Krise der Philosophie. Man konnte einen so genannten linken „Sozialdarwinismus“ ausmachen, der sich auf Karl Marx (1818 – 1883) und einen rechten, der sich auf Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)  berief. Marx führte im damaligen recht stabilen wilhelminischen Deutschland die Kapitalismuskritik an und Nietzsche forderte die „Umwertung aller Werte“ und kritisierte den blinden Naturwissenschaftsglauben.

 

Die nächste Krise kam mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges im September 1914. Er wurde zunächst in vielen Kreisen der Bevölkerung begeistert begrüßt. Der Krieg als Schmelz- und Wendepunkt, der die Welt verändern sollte, brachte 1918 doch große Ernüchterung. Siebzehn Millionen Tote, mehr als je ein anderer Krieg zuvor, Verlust von Territorien, Abdankung des Kaisers. Das epochale Werk „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, (1918, 1922) eines der meist gelesenen Bücher des 20. Jahrhunderts, beschwört den bevorstehenden Untergang der alten Welt. „Der Glaube an eine immer besser werdende Zukunft ist illusionär“, schrieb Spengler. Er arbeitete gleiche Gesetzmäßigkeiten für das Entstehen und Vergehen von Kulturen heraus. Nach ihm gibt es eine Anfangsphase, die Hochblütenphase, die eigentliche Kultur, dann das Erstarren in Nostalgie der guten alten Zeit, in eine bloße Zivilisation. Der Erste Weltkrieg war für Spengler der Beweis, dass sich Europa in der Phase der Zivilisation befindet, keine Kultur mehr, nur noch Zivilisation. Nach Spengler waren die griechische Antike und das 18. Jahrhundert Hochphasen der Kultur.

 

In den 1930er Jahren erschien eine Arbeit des Philosophen Edmund Husserl (1859 – 1938) über „Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie“. Darin kritisiert der Autor, dass die modernen Wissenschaften ihren Kontakt zur Welt verlieren. Die Spaltung der immer weiter auseinanderdriftenden Natur- und Geisteswissenschaften müsse überwunden werden. Martin Heidegger (1889 – 1976), der Schüler von Husserl, möchte, dass die Philosophie allen anderen Wissenschaften als „Führer“ vorangehen soll, weil wir sonst in der modernen Welt unsere Wurzeln verlieren. Naturwissenschaften werden oft als „erklärende“ Wissenschaften verstanden, Geisteswissenschaften, wie die Philosophie, werden den „verstehenden“ Wissenschaften zugeordnet. Heute wird fast alles erklärbar und es ist nur eine Frage der Zeit, dass das bislang  Unerkannte früher oder später auch erklärbar wird. Die prägnanteste Formel vom französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler René Descartes (1596 -  1650) „Ich denke, also bin ich“ („Je pense, donc je suis“)) weist darauf hin, dass der Mensch aufgrund seines Geistes in der Lage ist, alles zu erkennen, wenn er es denn nur angeht und erforscht. Ein unerschütterlicher Glaube an die Wissenschaft durchdringt nicht nur die akademische Welt, auch die Alltagswelt, die „Lebenswelt“, und bringt eine völlig neue Weltanschauung. Der Philosoph als „Funktionär der Menschheit“ (Husserl) habe die Aufgabe, die „Lebenswelt“ den Menschen näher zu bringen, sie ihnen zu erklären.

 

Die wohl schlimmste Krise des 20. Jahrhunderts, wenn man sie überhaupt so bezeichnen kann, wurde verursacht durch das verbrecherische NS-Regime, Ausschwitz und den Zweiten Weltkrieg. Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auf vier Philosophen dieser Zeit kurz hinweisen. Max Horkheimer (1895 – 1973) Sozialphilosoph, Theodor W. Adorno (1903 - 1969) Philosoph, Soziologe, und Musiktheoretiker, Hannah Arendt (1906 – 1975) eine jüdische, deutsch-amerikanische Publizistin und Gelehrte und Karl Jaspers (1883 - 1969) ein deutscher Psychiater, der als Philosoph weit über Deutschland hinaus bekannt wurde. Die Professoren der so genannten „Frankfurter Schule“ Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, entstammten jüdischen Familien und wurden ins Exil getrieben. Der Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb hatte in seiner Neujahrsbotschaft von 1947 die emigrierten jüdischen Bürger aufgefordert „trotz aller Not und allen Misstrauens“ zurückzukehren. Gerade jetzt bräuchten die Universitäten kluge und demokratisch gesinnte Hochschullehrer. Horkheimer und Adorno folgten dem Ruf und kamen. Horkheimer wurde bereits 1951 Rektor der Goethe-Universität in Frankfurt.
Horkheimer und Adorno fordern nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil „die kompromisslose Revision der Moderne nach Ausschwitz“. Hannah Arendt ist für eine genaue Analyse des Totalitarismus und Karl Jaspers will die Schuldfrage genauestens geklärt haben. Adorno formulierte noch radikaler kurz nach Kriegsende, er sieht „das Recht zu philosophieren nach Ausschwitz ein für alle Mal erloschen“. Hannah Arendt weist darauf hin, dass „die Philosophie nie gekannte Gefahren der Moderne sehen lernen muss“. Karl Jaspers steht für eine radikale Wende hin zu Moral.

 

Die nächste Krise beruhte auf einem der schrecklichsten Ereignisse der Weltgeschichte, denn kurz nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges folgte ohne Atempause am 6. August 1945, die erste Atombombe auf Hiroshima und am 9. August 1945 die zweite auf Nagasaki als Ende konventioneller Kriege und als Beginn des Nuklearzeitalters. Zum ersten Mal mussten sich Menschen bewusst machen, dass sie mit der Technik in die Lage versetzt werden, nicht nur einzelne Landstriche oder einzelne Bevölkerungen zu vernichten, sondern die komplette Menschheit, alles Leben auf der Erde überhaupt. Der Bedrohung durch die Atombombe erfolgte kurz danach eine noch fatalere mit der Wasserstoffbombe, die in unvorstellbarem Ausmaß Vernichtungsgewalt hat. Der Mensch verfügte mit diesen Bomben über ein Zerstörungsinstrument, das sein Vorstellungsvermögen überschreitet.
Was sagt der Diskurs der Philosophie dazu? 1955 meldet sich der britische Philosoph Bertrand Russell (1872 – 1970) mit dem so genannten Russell-Einstein-Manifest zu Wort. Ein hauptsächlich von ihm 1955 in London verfasstes Manifest über die Folgen eines Einsatzes von Nuklearwaffen. Es wurde von zehn namhaften Wissenschaftlern und Nobelpreisträgern, darunter acht Physiker, auch von Albert Einstein, unterzeichnet und als offener Brief an alle Großmächte bzw. Atommächte geschickt. Die Menschheit, zu allererst die Großmächte, sollten sich bewusst werden, dass mit dem Einsatz von Wasserstoffbomben nicht nur Städte ausgelöscht werden können, sondern die Existenz der gesamten Menschheit bedroht wird. Sie sollten erkennen, dass die Atomkrise alle bisher bekannten Bedrohungen bei weitem überschreitet.               

 

Julius Robert Oppenheimer (1904 - 1967), US-amerikanischer Physiker deutsch-jüdischer Abstammung, wurde vor allem während des Zweiten Weltkriegs für seine Rolle als wissenschaftlicher Leiter des Manhattan-Projekts bekannt. Dieses streng geheim gehaltene Projekt hatte zum Ziel, die ersten Nuklearwaffen zu entwickeln. Robert Oppenheimer gilt als „Vater der Atombombe“. Er verurteilte jedoch ihren weiteren Einsatz, nachdem er die Folgen bei den japanischen Städten gesehen hatte. Nach dem Krieg arbeitete Robert Oppenheimer als Berater der neu gegründeten amerikanischen Atomenergiebehörde und nutzte diese Position, sich für eine internationale Kontrolle der Kernenergie und gegen ein nukleares Aufrüsten zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten einzusetzen.

 

Die heutigen Philosophen fordern die Rückbesinnung auf die eigene Menschlichkeit und die bewusste Entscheidung gegen bewaffnete Konflikte. Nur so könne der Fortbestand der Menschheit gesichert werden. Christliche und mittelalterliche Lehren vom Ende der Welt waren in der Moderne bis dahin veraltet. Jetzt plötzlich werden das Irreale, Fiktionale früherer Zeiten und die Horrorspiele am PC Wirklichkeit. Krieg war eine Möglichkeit, wie Menschen über Menschen herrschen konnten. Völlig neu ist jetzt die Vernichtung der Menschheit durch Menschen.
Mit dieser Bedrohung leben wir bis heute, insbesondere durch die jüngeren Atommächte China, Indien, Pakistan, Israel, Nordkorea und Iran. Es ist eine Illusion zu glauben, wir lebten in einer stabilen Welt. Wir sind vergänglicher als die gesamte Menschheit vor uns. Wir leben in einer Krise, die niemals mehr enden wird. Das sei im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in Erinnerung gerufen.

 

Wir erinnern uns vieler Krisen. Wie harmlos erscheinen sie doch im Rückblick: Korea-Krise, Vietnam-Krise, Bildungskrise, Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Börsenkrise, Umweltkrise, Klimakrise, Ölkrise und andere. Im Gegensatz zur Atomkrise gab es bei diesen Krisen immer ein davor und danach. Und immer einen Zeitpunkt der Entscheidung. Und wie schnell sind sie wieder aus unserem Bewusstsein verschwunden. Die Geschichte lehrt uns, dass Krisen stets in einer Wellenbewegung und zyklischen Abfolgen erscheinen. Sehr schnell erkennt man in früheren Krisen auch ein Freund-Feind-Schema. Es gab meistens ein „Wir“ und die „Anderen“. Aber alle neuzeitlichen Krisen sind weltweite Krisen. In unserer globalisierten Welt nehmen Verflechtungen in vielen Bereichen immer mehr zu. Zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten gibt es kein „Wir“ und die „Anderen“ mehr. Und ein Corona-Virus nutzt das aus.

 

Zurück zur weltweiten Gesundheitskrise durch Corona. Sie zwingt zum Handeln, zur Entscheidung in einer Form, so oder so, vermutlich auch ein Grund, weshalb Krisen auch nützlich sein können. Der Rückblick zeigt, dass man sich von einer Krise auch immer etwas erhoffen konnte, Heilsames, Wohltuendes und manchmal sogar Rettendes. Das kennen wir aus eigener Erfahrung. Obwohl Wissenschaftler vor diesem Virus gewarnt haben, wurde er doch nirgends auf der Welt so richtig ernst genommen. Offensichtlich haben wir alle Fehler gemacht. Heute steht noch nicht fest, welcher Weg zur Überwindung der Krise der richtige ist, das werden spätere Generationen analysieren.

 

Meine Frau und ich sind jetzt vollständig geimpft. Wir sind froh und dankbar in einem Land zu leben, in dem das möglich ist. Die medizinische Fachangestellte unserer Hausarztpraxis, die uns impfte, berichtete von vielen fröhlichen und dankbaren Patientinnen und Patienten, die die ersehnte Spritze erhalten und als Akt der Befreiung empfunden haben.  

 

Wie wir uns mit der Krise versöhnen können, fragt Matthias Horx in seinem Denk-Experiment „Frieden mit Corona“: „Wir stellen uns Wandel gerne als einen heroischen Akt vor. Als ‚Große Läuterung‘, aus der wir wie Phönix aus der Asche zu neuen moralischen Ufern streben. Aber die Wahrheit der Krise zeigt uns: Wandel besteht aus vielen kleinen Erkenntnissen, Einsichten, Wahrnehmungen, die uns befähigen, eine neue Wirklichkeit zu erzeugen. Wandel entsteht, indem wir in ihn hineinwachsen. Wir leben, wie der israelische Philosoph Gershom Scholem [1892 -1987] einmal sagte, in ‚Plastischen Zeiten‘. Wenn wir jetzt handeln, wird alles anders. Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Gegenwart und Zukunft schon. Die Zukunft entsteht aus ÜBERstandenen, aber auch VERstandenen Krisen.“  www.horx.com/die-zukunfts-kolumne  

 

Was können wir aus der aktuellen Krise lernen? Themen wie der Klimawandel oder die rasant zunehmende Digitalisierung unseres Lebens sind durch die Corona-Krise etwas ins Hintertreffen geraten. Wir werden uns mit diesen Themen genau so intensiv beschäftigen müssen, wie mit der Nachbearbeitung der Pandemiefolgen. Wir dürfen uns niemals wieder so unvorbereitet von einer Gesundheitskrise überraschen lassen. In einem Interview sagte kürzlich Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble „Wir können nicht so weitermachen, es gibt einen Zusammenhang zwischen der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und Pandemien. Wir müssen zu einem maßvolleren Leben zurückfinden.“

 

Und hier kommt die versprochene Tagebucheintragung: Dieser Tage wurden wir mit einem sehr positiven Ereignis unseres ältesten Enkels überrascht. Er hat seinen ersten akademischen Abschluss, den Informatik Bachelor of Science (B.Sc.) an der Eberhard Karls Universität Tübingen mit einem sehr guten Erfolg bestanden. Die stolzen Großeltern freuen sich gemeinsam mit ihm und der Familie.

 

Ganz herzlich möchte ich mich bei meinem Freund Dr. Immo Grimm bedanken für die kritische Durchsicht aller meiner bisher veröffentlichten Corona-Essays.

 

Wenn Sie meine vorher erschienenen Corona-Essays gerne nachlesen möchten, können Sie das auf meiner Website unter https://www.dieter-heymann.de/corona/ Ich freue mich auch sehr, wenn Sie die Rundmail weiterleiten. Gerne können Sie mir auch Ihre Kommentare (« direkt hier klicken) senden.

Bleiben Sie gesund und optimistisch!

Ihr Dieter Heymann


 

Corona-Essay (3) von Dieter Heymann

 

„Meine Gedanken hintern den Nachrichten“

 

12. Mai 2021

 

Zustimmung und Lob habe ich wieder zu meinem letzten Corona-Essay erhalten. Einige Fragen und Diskussionen ermuntern mich zur Beantwortung und zur weiteren Vertiefung. Wir leben in einer Zeit, die wir uns so nicht vorstellen konnten. Bei den Corona-Impfungen gibt es deutliche Fortschritte. Es besteht eine realistische Prognose, dass bis zum August mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland zum zweiten Mal geimpft ist. In der letzten Aprilwoche begann eine heftige Diskussion, ob Geimpfte ihre Grundrechte zurückerhalten. Ist es nicht aus juristischer Sicht aber genau umgekehrt? Der Staat ist doch in der Pflicht, die Einschränkung der Freiheitsrechte seiner Bürger zu begründen, nicht der Bürger die Wahrnehmung seiner Freiheitsrechte. Warum wir dann auch noch bis Ende Mai warten sollen, ist mir nicht verständlich. Unsere Freiheitsrechte gelten laut dem Grundgesetz unabhängig von einer Zustimmung von Bundestag und Bundesrat. Wir brauchen uns im Augenblick nicht darüber zu wundern, wenn die Zahl derer zunimmt, die eine vernünftige und nachvollziehbare Politik fordern.

 

Der Leiter des Ressorts „Natur und Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Joachim Müller-Jung berichtete dieser Tage von den sensationellen Ergebnissen der Impfkampagnen in Israel und Großbritannien. „Mehr als 98 Prozent weniger Ansteckungen in Israel seit dem Höhepunkt der letzten Infektionswelle Mitte Januar. In Großbritannien sind ähnliche Effekte auch schon seit Wochen deutlich zu erkennen, obwohl dort die Mehrheit erst eine Impfdosis erhalten hat. […] Tatsächlich glauben die meisten Wissenschaftler an den Populationseffekt des Impfens – die Impfstoffe schützen nicht nur annähernd vollständig vor einer schweren Covid-19-Erkrankung, sie schützen offensichtlich auch fast ebenso gut vor Ansteckung und Übertragung“. Müller-Jung schreibt von einer „Grauzone des Immunsystems“, viel spräche dafür, dass Geimpfte das Virus kaum noch verbreiten können, doch den Wissenschaftlern fehle es noch an belastbaren Daten. Und auch eine entscheidende Frage, wie lange der Infektionsschutz nach der Impfung eigentlich hält, sei noch nicht geklärt. Dennoch freue ich mich über das langsam aufgehende Licht am Ende des Tunnels.

 

Eigentlich wollte ich die Begriffe „Verschwörungstheorie“ und „Querdenker“ im Zusammenhang mit der Pandemie in meinem Essay nicht aufgreifen. In einigen Rückmeldungen wurde es thematisiert. Jetzt reizt es mich, diesen Begriffen nachzugehen und zu schauen, wo sie eigentlich herkommen und was sie genau bedeuten. Bei einem sogenannten „Querdenkerclub“ in Österreich und natürlich im Internetlexikon wurde ich fündig:

 

Was heißt Querdenken? Nachdem Querdenken im 19. Jahrhundert eher Hilflosigkeit bedeutete, findet sich die derzeit erste Erwähnung eines positiv belegten Begriffes Querdenker 1915 im Zusammenhang mit der „Riesenphantasie“ Münchhausens.

 

Bisher wurde die Fähigkeit zu „lateralem Denken“, auch „Querdenken“ genannt, als eine Denkmethode, „die im Rahmen der Anwendung von Kreativitätstechniken zur Lösung von Problemen oder Ideenfindung eingesetzt werden kann“ und bei Problemlösungen meist positiv bewertet wird. Seit der Pandemie bedeutet diese Denkungsart eine verbale Stigmatisierung einer Person mit negativer Konnotation. Sicher hat das Internet zu dieser Verbreitung beigetragen.

 

Verschwörungstheorien oder Verschwörungsmythen erfüllen ganz unterschiedliche persönliche und soziale Funktionen. Eine der wichtigsten scheint zu sein, dass Verschwörungsmythen den Menschen eine Erklärung für bedrohliche und unwahrscheinliche Situationen bieten, auch nachzulesen in verschiedenen Studien. Beispiel: Bei einem Experiment löste man bei einem Teil der Versuchspersonen gezielt ein Gefühl von Kontrollverlust aus. Im Gegensatz zur Vergleichsgruppe neigten die verunsicherten Probanden danach stärker dazu, eine Verschwörung zu wittern. Die gute alte Brockhaus Enzyklopädie, in der ich immer noch gerne blättere, versteht unter Verschwörung „eine geheime Verbindung mehrerer zu unerlaubten Zwecken, besonders zur Zersetzung staatlicher Einrichtungen, zum Umsturz der Verfassung, zur Begehung politischer Straftaten“. In der Corona Pandemie mag sie auch für andere Menschen ein Mittel der Kritik und Unzufriedenheit an Autoritäten auszudrücken. Kommt man an diese Menschen, die sich von Verschwörungstheoretikern mit kolportierten Halbweisheiten oder nur Meinungen haben überreden lassen, überhaupt noch mit Sachargumenten heran? Ich frage dann meistens, woher sie das alles so genau wissen? Oft sieht es doch so aus, dass es ihnen um eine Strategie gegen ihre Unsicherheit, Machtlosigkeit und Angst bei ihnen selbst geht, aber sie lassen sich nicht von ihrer für wahr gehaltenen Überzeugung abbringen.

 

Seit der Antike gibt es den Begriff der „Paranoia“. Heute wird in der Medizin Wahn in der Regel als krankhafte Fehlbeurteilung der Realität verstanden, die erfahrungsunabhängig auftritt und an der mit völliger Gewissheit trotz vernünftiger Gegengründe und ausreichender Intelligenz festgehalten wird. Sigmund Freud (1856-1936) fragte sich bei der Formulierung seiner Theorie der Paranoia, „ob in der Theorie mehr Wahn enthalten ist, als ich möchte, oder in dem Wahn mehr Wahrheit, als andere heute glaublich finden“. Daraus resultiert für Betroffene ein besonders ausgeprägtes, existentielles Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit. Psychologie und Soziologie erklären das folgendermaßen: Wenn Menschen aufgrund privater Problemlagen oder gesellschaftlicher Krisen das Gefühl haben, keine Kontrolle mehr zu haben und sich ohnmächtig fühlen, versuchen sie Strategien zu finden, um damit umzugehen – und Verschwörungserzählungen können so eine Strategie sein. Der Zufall spielt dann weniger eine Rolle, es gibt Muster und die Welt wird begreifbarer. Wenn Menschen in Unsicherheit leben, sind sie empfänglicher für Verschwörungsdenken – wie heutzutage in der Corona Pandemie. Wer beispielsweise seinen Job verliert oder unter unsicheren Bedingungen arbeitet, meint eher, dass „obskurante Hintermänner“ im Geheimen das Weltgeschehen lenken, wie mir kürzlich ein Freund über „moderne Machthaber“ und „Staatslenker“ berichtet hat. Das verdeutlicht auch ein wenig die gesellschaftliche Dimension von Verschwörungsdenken. Der Glaube an eine Verschwörung kann für sie sinnstiftend sein und ihnen die Welt erklären. Das eine oder andere Mal ist es mir gelungen, mit jemanden im privaten Bereich persönliche Dinge zu besprechen. Ich spürte dann seine persönliche Angst vor den Folgen dieser Pandemie im sozialen und wirtschaftlichen Umfeld. Unser aller Wissen ist begrenzt, und mit einem gegenseitigen Austausch kann man sich zwar gegenseitig stärken, aber einen paranoiden Querdenker wird man nicht von seiner Wahnvorstellung abbringen.

 

Regelmäßig erhalte ich den Newsletter von Quarks, den ich allen wissbegierigen Menschen nur empfehlen kann. Unter https://www.quarks.de/ können Sie sich anmelden. Wenn Sie zum Beispiel einmal etwas über die „Herdenimmunität“ erfahren wollen, können Sie gerne hier anklicken und erhalten einen hochinteressanten Podcast, der in nur fünf Minuten komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich darstellt. Ich wünsche Ihnen viele gute neue Erkenntnisse bei quarks.de

 

Dort habe ich auch folgende Studie gefunden, in der Forschende sieben Merkmale des konspirativen Verschwörung (?) Denkens ausgemacht und sie mit dem englischen Akronym CONSPIR (conspiracy =  Verschwörung) zusammengefasst haben:

 

    C = Contradictory = Widersprüchlichkeit: Verschwörungsgläubige können an Ideen glauben, die sich gegenseitig widersprechen. Laut einer Umfrage der Universität Erfurt glauben zehn Prozent der Befragten sowohl, dass das Corona Virus nicht existiert, als auch, dass es eine Biowaffe aus dem Labor ist.

 

    O = Overriding Suspicion = Generalverdacht: Der Verschwörungsglaube geht über gesunde Skepsis hinaus. So entsteht durch extremes Misstrauen eine prinzipielle Ablehnung gegenüber offiziellen Erklärungen.

 

    N = Nefarious intent = Üble Absichten: Anhänger von Verschwörungstheorien gehen immer davon aus, dass der Gesellschaft geschadet werden soll. Es gibt keine Verschwörungserzählung, die positive Beweggründe unterstellt.

 

    S = Something must be wrong = Etwas stimmt nicht: Verschwörungstheoretiker sind sich sicher, dass die gängige Erklärung auf jeden Fall falsch ist – selbst wenn sie Einzelheiten ihrer eigenen Erzählung mal fallen lassen, ändern oder neu bewerten, bleiben sie dabei, dass “die da oben” [„moderne Machthaber“ und „Staatslenker“] etwas im Schilde führen.

 

    P = Persecuted Victim = Opferrolle: Verschwörungsgläubige nehmen sich gleichzeitig als Opfer der Gesellschaft und als mutige Helden im Kampf gegen den Mainstream wahr.

 

    I = Immune to Evidence = Immun gegen Beweise: Gegenbeweise oder Widerlegungen prallen in der Regel an Verschwörungserzählungen ab. Kritik kann sogar dazu führen, dass Anhänger noch stärker an ihre Theorie glauben.

 

    R = Re-interpreting Randomness = Zufälligkeiten uminterpretieren: Zufällige, eigentlich unwichtige und nebensächliche Ereignisse (etwa wie oft ein bestimmter Buchstabe in einem Text vorkommt) werden stets so interpretiert, dass sie zur Verschwörungserzählung und einem vermeintlich zusammenhängenden Muster passen.

 

 

Was ist eigentlich der Unterschied einer Epidemie zu einer Pandemie?

 

Eine Leserin meiner Corona-Essays bat mich, zur Klarstellung beizutragen, was denn der Unterschied einer Epidemie zur Pandemie ausmacht:

Bei einer Epidemie tritt eine Erkrankung zeitlich und örtlich begrenzt auf, zusätzlich gibt es eine starke Häufung von Krankheitsfällen. Zu den epidemisch auftretenden Krankheiten gehören zum Beispiel die Grippe, Pest, Cholera, Typhus und Kinderlähmung. Eine Pandemie ist nicht regional begrenzt. Sie erstreckt sich über mehrere Länder und Kontinente. Sie kann im Gegensatz zu einer Epidemie über mehrere Jahre andauern. Dazu gehören Aids und weltweite Grippepandemien, wie zum Beispiel die Spanische Grippe 1918,  die Asiatische Grippe 1957 oder die Hongkong Grippe 1968. Das Corona-Virus breitete sich von China weltweit aus und hat sich folglich von einer Epidemie zu einer Pandemie entwickelt.

 

Wichtig ist mir auch festzuhalten, wie solche Infektionskrankheiten entstehen. Neuartige Viren lösen Krankheitswellen aus, die eine Vielzahl von Erkrankten umfassen. Da der Körper neue Viren noch nicht erkennt, kann das Immunsystem ihn nicht schützen. Auch bei den jährlichen Grippewellen entwickeln sich immer neue Virenformen. Auch jetzt sprechen wir beim Corona-Virus von neuen Mutanten. Oft bietet auch eine Grippeimpfung keinen Schutz mehr, da der Impfstoff auf den Viren basiert, die während der Entwicklung des Impfstoffes existierten und nicht auf neue Mutanten. Die mutierten Viren können sich ausbreiten. So entsteht eine Epidemie oder Pandemie. Wer an derlei Fragen interessiert ist, findet auch hierzu interessante Antworten im Internet: https://www.praxisvita.de/

 

Corona und die Antoninische Pest

 

Im letzten Corona-Essay befasste ich mich mit Hufeland und thematisierte sein 1796 erschienenes Buch den Ratschlägen zur Vermeidung „kontagiöser Gifte“. Heute nehme ich Sie wieder mit auf eine Zeitreise, dieses Mal in die Amtszeit des römischen Kaisers Mark Aurel (121-180 n. Chr.). Er war von 161 bis 180 Kaiser des Großrömischen Reiches. Er wurde der „stoische Philosophenkaiser“ genannt, weil er als Philosoph sich viel mehr für die griechische Philosophie interessierte als Krieg zu führen. Als Nachfolger seines Adoptivvaters Antoninus Pius nannte er sich selbst Marcus Aurelius Antoninus Augustus. Was bedeutet eigentlich „Stoa“? Es ist eine an Rück- und Schmalseiten geschlossene Halle, deren offene Vorderfront durch Stützen in Form von Säulen, gegliedert ist. Als Stoa wird auch eines der wirkungsmächtigsten philosophischen Lehrgebäude in der abendländischen Geschichte bezeichnet, weil viele Philosophen ihre Weisheiten in dieser Säulenhalle auf dem Versammlungs- und Marktplatz von Athen den Menschen vorgetragen haben. Hier sprach auch Zenon von Kition um 300 v. Chr., der als Begründer der stoischen Philosophie galt.

 

Die Aufgaben römischer Kaiser bestanden in erster Linie darin, sich gegen ihre Nachbarn durchzusetzen, und durch viele Kriege und Bündnisse gelang es ihnen, ihr Einflussgebiet immer weiter auszudehnen. Kaiser Mark Aurel gab in schwierigen Zeiten von Kriegen, Naturkatastrophen und Epidemien immer seinem Volk Hoffnung, Trost und Unterstützung. Obwohl seine Erziehung auf die Machtübernahme als römischer Kaiser ausgerichtet war, interessierte Aurelius sich mehr für die griechische Philosophie. Verteidigungskriege delegierte er an seinen Adoptivbruder Lucius Verus, den er zu seinem Mitkaiser ernannte. Als die Parther, eine Volksgruppe im heutigen Iran, Roms neuen Kaiser testen wollten, indem sie Armenien einnahmen und nach Syrien einmarschierten, war es Lucius Verus, unter dessen Führerschaft die römischen Legionen die Parther  gründlich geschlagen haben. Vielleicht ist ihm dies aber nur deshalb gelungen, weil ein Großteil der Parther von einer unbekannten Seuche geschwächt war. Aber die römische Armee infizierte sich auch mit der bis dahin unbekannten Krankheit und brachte sie 168 n. Chr. nach Rom.

 

Es war die Antoninische Pest, eine der ältesten, historisch überlieferten Pandemien. Sie herrschte in den Jahren von 165 bis 180 nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reiches und wurde nach dem zweiten Namen des römischen Kaisers Mark Aurel benannt.

 

Wir schreiben das Jahr 169 n. Chr. Seit dem Beginn der 60er-Jahre bis in das 2. Jahrhundert n. Chr. herrschte immer wieder Krieg mit den Parthern, deren Reich sich über die Territorien der heutigen Länder Syrien, Osttürkei, Iran und Irak erstreckte, also über jene Gebiete, die auch heute noch als "Krisenherde" gelten. Sein Mitkaiser Lucius Verus, ein genialer Stratege, löste zwar das Problem im Osten und beendete den Krieg siegreich, doch gleichzeitig erheben sich die germanischen Stämme nördlich der Donau. Sie überschritten die Donaugrenze, um über die Bernsteinstraße, die von Carnuntum nach Aquileia bei der Lagune von Grado (Italien) führt, die durch die Abwesenheit der römischen Truppen bedingte Gunst der Stunde zu nutzen.

 

An einem neuralgischen Punkt hatten die Römer ein Militärlager eingerichtet. Es wurde beim Ausbruch der Seuche zu einer Quarantänestation. Von Norden waren die germanischen Aggressoren in Schach zu halten und von Osten die Antoninische Pest zu bewältigen. Mark Aurel musste seine Truppen aus dem Nahen Osten an die Donau, in das Gebiet des heutigen Österreich (Noricum) und Ungarn (Pannonien) verlegen. Der römische Arzt Galen (Aelius Galenus von Pergamon) reiste auf Wunsch von Mark Aurel nach Aquileia an die obere Adria, wo die Epidemie unter den aus dem siegreichen Orientfeldzug heimkehrenden Soldaten bereits heftig grassierte. Die Soldaten schleppten das Bakterium ein, welches im Nildelta von Ägypten in einzelnen Ortschaften bereits 70 bis 90 Prozent der Bevölkerung dahingerafft hatte. Galen beschrieb die Symptome der Krankheit mit Fieber, Ausschlägen und Bläschen, alles deutete auf eine Pest-Epidemie hin. Sie verbreitete sich rasend schnell unter dem Militär und in der Folge auch unter der Zivilbevölkerung über das gesamte Römische Reich. Der Mitkaiser Lucius Verus starb selbst 169 n. Chr. an der Krankheit.

 

Kaiser Mark Aurelius reagierte auf die Doppelbedrohung mit Truppenverstärkung an den Grenzen und Einrichtung von weiteren Quarantänestationen. Das Mutterland Italien war aber sowohl von den Germanen als auch durch die eigenen infizierten Soldaten und Bewohner bedroht. Der Kaiser richtete daher die Praetentura Italiae et Alpium, eine an den Ausläufern der Alpen gelegenen, stark gesicherten Militärzone für Italien ein und schloss sofort alle Grenzen. Das Sperrgebiet hatte eine Ausdehnung von ca. 150 Quadratkilometern, in dem befestigte Lager mit Quarantänestationen lagen. Die Einrichtung der Quarantänestationen ist gerade heute von großer historischer Bedeutung. Es lässt sich nachverfolgen, in welcher Reihenfolge, mit welchen Prioritäten die Gebäude im Lagerinneren errichtet und welche Strategien und Akutmaßnahmen zur Eindämmung der Pandemie in Oberitalien im Jahr 169 n. Chr. ergriffen wurden.

 

Man baute zuerst einen Mauerring um das große Gelände. Im Inneren konzipierte man ein umfangreiches Netz von zum großen Teil geschlossenen Abwasserkanäle. Dann errichtete man als erstes Gebäude ein für damalige Zeiten riesiges Valetudinarium, ein 8 250 Quadratmeter großes Krankenhaus, durch Ausgrabungen nachgewiesen. Daneben ein 2 500 Quadratmeter großes Horreum, ein Riesenspeicher für Getreide, mit dessen Volumen man 5 000 Menschen ein Jahr lang versorgen konnte. Das Krankenhaus hatte 34 Abteilungen in denen 500 Infizierte medizinisch versorgt und isoliert wurden, einschließlich der Quarantänestationen. Zuletzt begann man mit dem Bau eines großen Badegebäudes (Thermae), das der Einhaltung der hygienischen Maßnahmen diente. Auch die Benutzung von Seife zur Körperreinigung war schon bekannt. Das alles wurde in kurzer Zeit völlig neu geschaffen. Bilder im Internet erinnern stark an die ersten aus dem Boden gestampften Krankenhäuser in Wuhan/China.

 

Die außerordentlichen Strategien im Kampf gegen das Bakterium sind auch für die damalige Zeit als sehr fortschrittlich zu bezeichnen und durchaus mit heute vergleichbar. In dem römischen Weltreich war die Wirksamkeit und Ausbreitung des Bakteriums nicht absehbar. Das Römische Reich erreichte unter der Herrschaft von Mark Aurel eine Ausdehnung vom Persischen Golf bis zum Atlantik, von Nordafrika bis Großbritannien und beherbergte zu dieser Zeit rund 100 Millionen Einwohner. Doch wie ging diese Pandemie der römischen Geschichte aus? Kurzfristig recht erfolgreich, die römische Armee schlug die Germanen, die Außengrenzen wurden gesichert, die "Bernsteinroute" geschlossen. Mittelfristig war weniger die militärische Bedrohung als die Auswirkungen des Pestbakteriums eine Gefahr für das Römische Reich. In den Jahrzehnten danach gab es einen deutlichen Bevölkerungsrückgang, eine Verödung in den Landstrichen mit nachhaltigem wirtschaftlichem Niedergang. Vielleicht war es schon der Beginn des Unterganges des römischen Reiches?

 

Übrigens, der „Philosophenkaiser“ hat eine Art Tagebuch, er nannte es „Selbstbetrachtungen“, verfasst. In einer Ausgabe vom Marixverlag 2011 wird folgender Klappentext auszugsweise zitiert: „Als eines der ersten schriftlichen Zeugnisse überhaupt haben sie den eindringlichen ‚Dialog‘ eines Ichs mit sich selbst zum Gegenstand. Seine Aphorismen stellen den Versuch dar, auf die ‚ewigen Fragen‘ nach Vergänglichkeit, der Rolle des Individuums im Kosmos, den Möglichkeiten nach Selbstvervollkommnung und innerer Freiheit eine punktuelle Antwort zu finden. Ihre Verankerung haben sie im philosophischen Lehrgebäude der Stoa, die besagt, dass allen Lebenszusammenhängen ein universelles göttliches Prinzip – der Logos – zugrunde liegt.“

 

„Brüggemanns Prüfender Blick“, was war los in der Klassik-Welt mit Axel Brüggemann immer freitags bei Klassik-Radio

(Freitag, 30. April 2021)

Ja, ich gebe mich zuerkennen als Klassik-Radio Hörer und das so ziemlich den ganzen Tag und das kurze Feature des Musikjournalisten Axel Brüggemann möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:

„Die Fronten verhärten sich und das auch auf den hoffentlich letzten Metern in der Zeit, die wir uns alle so nicht vorstellen konnten. Es fällt schon schwer zusammenzufassen, was allein in dieser Woche passiert ist. Da waren die Schauspieler und ihre Videos mit dem #allesdichtmachen: Eher zufällig schaute ich beim sogenannten Bürgerdialog der Kanzlerin mit Kulturschaffenden vorbei und weiß nicht was schlimmer war, die Not der Künstlerinnen und Künstler, die Art ihre Situation vorzutragen oder die Müdigkeit der Bundeskanzlerin, die sich all das anhören musste. Und gestern dann haben die Geigerin Anne Sophie Mutter und der Sänger Christian Gerhaher, der Dirigent Thomas Hengelbrock und andere Klage gegen die Kulturschließung beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Ein Satz stand am Anfang der Pandemie. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ihn gesagt, ‚irgendwann werden wir einander viel verzeihen müssen‘. Und vielleicht ist diese Zeit jetzt gekommen. Jeder Opern- Fan denkt bei diesem Satz natürlich an Mozart, an die Hochzeit des Figaro, an das große Perdono im Finale, wenn alle allen verzeihen, weil alle irgendwie Fehler gemacht haben. Offensichtlich, wissentlich, heimlich oder aus Versehen. Vielleicht ist es langsam Zeit, wieder in den Mozart-Modus zu schalten, denn die echten Kämpfe, die stehen uns vielleicht erst noch bevor, der Kulturabbau nach Corona, politische Einsparungen, die Infragestellung von Orchestern, Theatern und Konzerthäusern. Vorboten gibt es genug.  Der Chor des NDR in den letzten Monaten heimlich zusammengeschrumpft, das Theater in Görlitz in den letzten Wochen klammheimlich zur Disposition gestellt, Aufschrei Fehlanzeige. Gerade auf der Zielgeraden könnte es jetzt wieder darum gehen, zusammenzufinden,  zu zeigen, dass die Kultur sich nicht spalten lässt. Sie ist der Garant für konstruktiven Streit, für Debatte und Diskurs. Aber am Ende geht es allen darum, zu begeistern, zu entflammen und zu bewegen. Ich freue mich, wenn das endlich wieder auf den Bühnen stattfinden kann und nicht länger in YouTube Videos oder in den sozialen Netzwerken.“

 

Schließen möchte ich mit einem Zitat des Trend- und Zukunftsforschers Matthias Horx: „Die Corona-Pandemie ist der ‚Eröffner‘ einer neuen historischen Phase, in der sich das entschleunigte Leben der Menschen viel mehr im Einklang mit der Umwelt befinden wird“.

 

Bleiben Sie gesund und optimistisch!


Corona-Essay (2) von Dieter Heymann

„Meine Gedanken hinter den Nachrichten“

25. April 2021

 

Der eine oder andere möchte sich vielleicht später einmal die Corona-Historie der „größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“, wie das Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel nannte, in Erinnerung rufen: Am 31. Dezember 2019 wurde die Weltgesundheitsorganisation über Fälle von Lungenentzündungen mit unbekannter Ursache in der chinesischen Stadt Wuhan informiert. Daraufhin identifizierten die chinesischen Behörden am 7. Januar 2020 als Ursache ein neuartiges Corona Virus, das die Bezeichnung „COVID-19-Virus“ erhielt. Das oder der „Virus“ gehört seit nunmehr fünfzehn Monaten zu den meistgebrauchten Begriffen weltweit. Ich möchte einigen Fragen nachgehen, die wahrscheinlich nicht nur mir, sondern den meisten Menschen immer wieder durch den Kopf gehen. Was ist genau ein Virus? Seit wann kennt man eigentlich Viren und wann wurden diese unsichtbaren Winzlinge überhaupt entdeckt. Je tiefer man in eines der spannendsten Kapitel der Medizingeschichte eintaucht, umso spannender wird es.
Eine gewisse Ahnung in der neueren Geschichte bestand schon in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Es war diese Zeit, in der die Medizin enorme Fortschritte aufzuweisen hatte.
Die Zusammenhänge zwischen verheerenden Infektionskrankheiten und den sie verursachenden Mikroorganismen wurden zunehmend entdeckt und erforscht. Es begann mit der Tuberkulose, dem Mycobacterium tuberculosis und der Diphtherie, dem Corynebacterium diphtheriae.

Im Medizinlexikon habe ich nachgelesen:
Heutzutage ist Tuberkulose bei ausreichend langer und sachgemäßer medikamentöser Behandlung heilbar, die Gefahr eines Rückfalls ist dann äußerst gering. Die Heilungsaussichten sind umso besser, je zeitiger die Diagnose gestellt und mit der Therapie begonnen wird. Diphtherie ist eine akute Infektion, die lebensbedrohlich sein kann. Sie wird durch ein Bakterium ausgelöst, das durch Husten oder Niesen übertragen wird. Mögliche Anzeichen von Diphtherie sind unter anderem Halsschmerzen, Schluckbeschwerden, Fieber und Schlappheit. Sie werden durch das von den Bakterien produzierte Gift hervorgerufen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt allen Erwachsenen, die Impfung gegen Tetanus und Diphtherie auch heute unbedingt wahrzunehmen und alle zehn Jahre aufzufrischen.


Die Bakteriologie war ab ungefähr 1880 in voller Blüte. Die damaligen Infektionsforscher ahnten aber auch, dass es jenseits von Bakterien noch andere, bisher unbekannte Erreger geben musste – so klein, dass sie selbst mit den besten Lichtmikroskopen nicht zu sehen waren. Im Jahr 1906 gelang dem Hamburger Bakteriologen Enrique Paschen (1860–1936) der Nachweis des Pockenvirus. Weil es für ein Virus außergewöhnlich groß ist (200–400 nm = 0,2- 0,4 µm), die größten Viren sind so groß, wie die kleinsten Bakterien, ließ es sich im Lichtmikroskop gerade noch erkennen. Jedoch reicht für Viren und sehr kleine Bakterien die Auflösung des Lichtmikroskops nicht aus. Erst mit der Erfindung des Elektronenmikroskops 1934 der beiden Elektroingenieure Ernst Ruska, Professor an der Freien Universität Berlin, und Dr. Max Knoll, war man mit dem ersten Elektronenmikroskop der Welt in der Lage, Viren sichtbar zu machen. Heute haben wir sehr viel mehr Informationen und grundlegende Kenntnisse über deren Eigenschaften: Sie bestehen lediglich aus Nukleinsäure (DNA oder RNA) und einer Proteinkapsel. Manche besitzen zusätzlich eine Lipidhülle. Da Viren keine selbstständigen Organismen sind, benötigen sie zu ihrer Reproduktion immer lebende Wirtszellen bei Tieren und Menschen. Außerhalb dieser Zellen können sie sich nicht vermehren. Sie können jedoch mehr oder weniger lange überdauern und infektiös bleiben. Allerdings sind längst nicht alle Viren Krankheitserreger. Schätzungen zufolge gibt es 100 Millionen Virustypen auf der Welt, mit denen Mensch und Tier leben.


Es gibt ein sehr altes Buch, „im Julius 1796 in Jena“ zum ersten Mal erschienen und in unzähligen Neu- und Wiederauflagen millionenfach verbreitet bis hin zu Nachdrucken in unserer heutigen Zeit, in dem ich immer wieder aufs Neue gerne hochinteressante Beiträge zur Gesundheit nachschlage.
Es trägt den Titel »Makrobiotik oder die Kunst das menschliche Leben zu verlängern«. Der Autor  Christoph Wilhelm Hufeland (* 12. August 1762 in Langensalza; † 25. August 1836 in Berlin), ein deutscher Arzt, königlicher Leibarzt, Sozialhygieniker und „Volkserzieher“, empfiehlt in seinem Hauptwerk eine besondere Ernährung und zeichnet die Bedingungen für einen rundum harmonischen Lebensstil auf. Ganz besonderen Wert legt er auf eine entsprechende Auswahl der Nahrungsmittel bei einer „makrobiotischen“ Ernährung. Sie soll das Gleichgewicht der beiden Kräfte Yin und Yang im idealen Fall ergänzen. Yin, das weibliche und Yang das männliche Prinzip in der chinesischen Philosophie sind zwar entgegengesetzte, aber dennoch aufeinander bezogene Kräfte. Zu Yin gehören viele frische Obst- und Gemüsesorten wie Tomaten und Gurken, Milch und grüner Tee, zu Yang zählt man Trockenobst, Bohnen, Fleisch, Fisch und Ingwer. Yin wird von der Makrobiotik zu den sauren Lebensmittel, Kalium, Zucker und Früchte zugeordnet, Yang steht für basische Lebensmittel, Natrium, Salz und Getreide. Im Zeitalter der neuzeitlichen Aufklärung begannen die Menschen in ganz Europa ihr Denken stark zu verändern. Hufeland propagierte und praktizierte auch die Pocken-Impfung etwa zur gleichen Zeit wie Damian von Siebold (1768 – 1928) Arzt, Geburts-helfer, Amtsphysikus, Hebammenlehrer, Hospitalarzt, Hofrat in Darmstadt.


Die Zeit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776, der Einfluss der Französischen Revolution 1789 und Immanuel Kants „Sapere aude!“,  habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, waren nicht nur der Wahlspruch der Aufklärung und modernen Philosophie, sondern auch der Beginn und Wendepunkt das Bewusstsein der Menschen für ihre Rechte einzutreten und zu kämpfen.


Hier kamen Hufelands Thesen genau zum richtigen Zeitpunkt. Im Praktischen Teil seines Buches wird in Kapitel IX. das Gift beschrieben, sowohl physisches als contagiöses (lateinisch contagiosus). Der erstaunte Leser entdeckt das annähernd gleiche Vokabular der heutigen Pandemie. Natürlich in der Sprache der damaligen Zeit: „Wir verstehen darunter alle Substanzen, die schon in geringer Menge sehr nachteilige oder zerstörende Wirkungen in dem menschlichen Körper hervorbringen können. Es gibt deren sehr viele in der Natur, und von mannigfaltiger Art: einige wirken heftig, andere schleichend, einige schnell, andere langsam, einige von außen, andere von innen, einige sichtbar, andere unsichtbar, und es ist nicht zu leugnen, dass sie unter die allgemeinsten und gefährlichsten Feinde des Lebens gehören. Ich halte es daher für sehr notwendig und für einen wesentlichen Teil der allgemeinen Bildung und Kultur des Menschen, dass ein jeder diese Gifte erkennen und vermeiden lerne, weil man sonst durch bloße Unwissenheit und Unachtsamkeit unzähligen Vergiftungen ausgesetzt ist. […] Die contagiösen Gifte erzeugen sich immer in einem lebenden Körper und besitzen die Kraft sich in einem anderen zu reproduzieren. Dieser Originaltext stammt aus 1796 und ist vor 225 Jahren entstanden. Eigenständige Institute, die sich mit der Forschung zu humanpathogenen Viren beschäftigen, wurden in Deutschland flächendeckend ab den 1950er Jahren gegründet. Die Beobachtung von Viren konnte dank des Elektronenmikroskops erst ab den 1940er Jahren in größerem Umfang erfolgen.


Christoph Wilhelm Hufeland setzt sein „nichtmedizinischen Publikum“ in den Stand, die kontagiösen Gifte strikt zu vermeiden. Er gibt allgemeine Regeln, wie man sich vor einer Ansteckung aufs Beste schützen kann und was jeder einzelne Mensch für sich und auch seine Umgebung tun kann.
Ich werde die einzelnen Punkte, die etwas an unsere heutigen AHA-Regeln erinnern, in einer starken Verkürzung des Textes beschreiben:

1. Man beachte die größte Reinlichkeit, denn durch die äußere Oberfläche werden uns die meisten Gifte mitgeteilt, und es ist erwiesen, dass sie durch Reinigungen wieder entfernt werden konnten, ehe sie uns wirklich schaden konnten.
2. Man sorge für reine Luft im Zimmer, für öfteren Genuss der freien Luft.
3. Man erhalte guten Mut und Heiterkeit der Seele. Diese Gemütsstimmung erhält am besten die gegenwirkende Kraft des Körpers
4. Man vermeide alle nähere Berührung mit Menschen, die man nicht, auch von Seiten ihres Physischen, ganz genau kennt, vorzüglich die Berührung von z.B. verwundeten Stellen, Lippen, Brustwarzen, Zeugungsteilen, als wodurch die Einsaugung am schnellsten geschehen kann.
5. Wenn ansteckende Krankheiten an einem Ort herrschen, so empfehle ich sehr die Regel, nie nüchtern auszugehen, weil man nüchtern am leichtesten von außen einsaugt, sondern immer erst etwas zu genießen, auch, wenn man es gewohnt ist, vorher eine Pfeife Tabak zu rauchen.
In Kapitel XIII greift Hufeland den vorgehenden Punkt 3 noch einmal ausführlich auf: Ruhe der Seele, Zufriedenheit, Leben verlängernde Seelenstimmung und Beschäftigen. Hier möchte ich auch wieder einige wenige Punkte aufgreifen. Seelenruhe, Heiterkeit und Zufriedenheit seien die Grundlage allen Glückes, aller Gesundheit und eines langen Lebens. Man gewöhne sich, dieses Leben nicht als Zweck, sondern als Mittel zu immer höheren Vervollkommnung anzusehen. Auch das ‚Carpe diem‘, das „Benutzen“ eines Tages, so, als wenn er der Einzige wäre, trägt dem Wohlbefinden bei. Dieses Buch enthält einen wahren Schatz bekannter und weniger bekannter „Lebensregeln“, sowohl in physiologischer, psychologischer und mentaler Hinsicht. Vor allem hat es mich gerade in der Pandemie etwas abgelenkt von den täglichen Inzidenzzahlen.


Die beiden Ärzte,  Medizinhistoriker und Medizinethiker Professor Heiner Fangerau, 48 Jahre und  der emeritierte Professor Alfons Labisch, 75 Jahre, haben ein neues, sehr lesenswertes Buch „Pest und Corona, Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft“ veröffentlicht und darin die Fragen diskutiert, wie vergangene Seuchen das öffentliche und private Leben verändert haben und worauf wir uns zukünftig in Gesellschaft und Gesundheitswesen einrichten müssen, wenn wir unsere Lebensart bewahren wollen, wenn uns das überhaupt jemals so wieder gelingen sollte.


Einer meiner Philosophielehrer, Dr. Peter Vollbrecht, schreibt in seinem Corona-Tagebuch: „Wir erleben gerade eine rapide Veränderung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die Welt mit und nach der Corona-Pandemie wird eine andere sein als zuvor. Wie wir leben, wie wir wirtschaften, kooperieren und wie wir uns bewegen, nichts davon wird mehr so sein wie vorher. Damit verbinden sich viele Ängste. Aber es öffnen sich uns auch Räume zu neuen Orientierungen. Das menschliche Zusammenleben wird sich grundlegend neu justieren. Wir wollen dabei sein, wir wollen mitreden im Konzert einer neu sich findenden öffentlichen Vernunft.“


In meinem 2018 erschienenen Buch „Weise altern“ habe ich im Nachwort geschrieben, „wenn nicht jetzt, wann dann? Eine Frage, die an keine Zeit gebunden ist, aber je älter ich werde, je mehr gewinnt sie für mich an Bedeutung. Für alle Entscheidungen im Leben, die kleinen und die großen, ist sie hilfreich. In der Reflexion auf mein Leben kann ich feststellen, ob ich immer die richtigen Fragen gestellt und richtig gehandelt habe. »Verstehen kann man das Leben rückwärts; leben muss man es aber vorwärts«, ist das berühmte Zitat des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard (1813-1855). Auch von Oscar Wilde (1854–1900) gibt es ein tiefsinniges Zitat zu diesem Thema: »Nicht die Jahre in unserem Leben zählen, sondern das Leben in unseren Jahren«.


Die Einschränkungen in der Pandemie müssen wir alle, ob jung oder alt, ertragen und gerade deshalb ist es vielleicht im Augenblick so schwer vorwärts zu leben. Für unsere Zufriedenheit und Seelenruhe gibt es eine unentbehrliche Erfordernis, die Hoffnung. Wir schauen tagtäglich gebannt wie die Schlange auf das Kaninchen auf die Pandemiezahlen und Veröffentlichungen. Wie schnell werden wir Herdenimmunität erlangen oder wann sind die von dem RKI geforderten 70 Prozent geimpft, um unsere Freiheitsrechte wieder zurück zu bekommen? Peter Vollbrecht schreibt, „mathematisch, so scheint es, ließe sich das Infektionsgeschehen konturenscharf berechnen – gäbe es da nicht das menschliche Verhalten, das trotz ausgeklügelter Algorithmen nicht wirklich in die Modelle eingepreist werden kann. Das Leben entzieht sich immer wieder der Kontrolle, flüchtet in private Räume oder bleibt undiszipliniert trotz Ordnungsgeld. Unvernünftig sei solches Verhalten, ja verantwortungslos, und an diesem Urteil wäre kaum zu rütteln, gäbe es da nicht den Verdacht, dass vernünftig heißt, sich den Gleichungen der Mathematik zu unterwerfen. Gewiss: es geht um Menschenleben, und jeder einzelne Tod streut Leid tief hinein in die Familien. Es geht um den Kampf der Ärzte auf den Intensivstationen, um Doppelschichten der Pflegekräfte, es geht um die Corona-Generation in Schule und Hochschule, und es geht auch um die vielfachen Tode derjenigen Wirtschaftszweige, die im Lockdown mit Berufsverboten belegt sind. Die Liste der Opfer ist lang, und da klingt es zynisch, den Verdacht zu äußern, die derzeit allseits angeratene Vernunft käme einer mathematischen Ordnungsmacht gleich. Nichts als ein philosophisches Sandkastenspiel, frivol und eben unverantwortlich?“


Hufeland schreibt in seinem Nachwort: So wahr bleibt es ewig, was unsere Alten in zwei goldenen Worten als den Inbegriff aller Lebensregeln aussprachen: Bete und arbeite, das übrige wird Gott machen. Denn was heißt das anders, als dass der Friede Gottes im Herzen und nützliche Tätigkeit nach außen die einzig wahren Grundlagen allen Glücks, aller Gesundheit und alles langen Lebens sind.


Uns allen wünsche ich eine baldmöglichste Rückkehr zum „alten Normal“, vielleicht mit mehr Vernunft und weniger Debauchen, ein Begriff aus dem Buch von Hufeland.


Literatur:
Christoph Wilhelm Hufeland
Makrobiotik oder Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern, Verlag Georg Reimer, Berlin 1860
Heiner Fangerau | Alfons Labisch
Pest und Corona, Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft, Verlag Herder, Freiburg 2020
Katja Gloger | Georg Mascolo
Ausbruch, Innenansichten einer Pandemie, Piper Verlag München 2021


 Corona-Essay  (1)  von Dieter Heymann

 „Meine Gedanken hinter den Nachrichten“

24. März 2021


Dieser Tage lese ich in der FAZ, dass Ralf Flinkenflügel die deutsche Spitzenküche für ebenso krisenresistent hält wie die deutsche Wirtschaft. Flinkenflügel ist Chefredakteur des »Guide Michelin« Deutschland und Schweiz, der Bibel aller Gourmets und Feinschmecker. Er prognostiziert vollmundig einen wahren Heißhunger auf exzellentes Essen nach der Wiederöffnung der Restaurants. Den Menschen sei während der Pandemie bewusst geworden, dass ein Restaurantbesuch nicht nur ein kulinarisches, sondern auch ein soziales Ereignis ist. Mein Großvater tröstete mich immer, wenn ich wieder einmal traurig war, mit den Worten „Essen hält Leib und Seele zusammen“ und lud mich in sein Stammlokal ein. Das war gewiss kein Sternerestaurant, aber mir hat das gut gefallen und er hatte Recht, danach blickte ich wieder freudiger auf die Welt. Dafür liebte ich meinen „Müller-Opa“.

 

Alle sehnen das Ende der Corona-Pandemie herbei. Doch wie kann ein Ende aussehen und wird es überhaupt eines geben? Verschwinden Viren irgendwann einfach? Eher nicht, wissen wir aus der Humanbiologie. Und ändert sich wirklich etwas, wenn wir alle geimpft sind? Wann ist endlich Schluss mit den AHA-Regeln? Der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier formulierte drastisch aber zutreffend dieser Tage nach einem Jahr Corona Pandemie „Die Leute haben die Schnauze voll“. Schauen wir uns einmal in der Geschichte der Pandemien um.

 

Pocken gab es schon sehr lange über viele Jahrhunderte. Doch wesentlich für den erfolgreichen Kampf gegen die Pocken war eine weltweite Impfkampagne, die von der Weltgesundheits-organisation WHO erst im Jahr 1967 gestartet wurde - mit einem sehr wirkungsvollen Impfstoff, der leicht zu handhaben war, weil er nicht gekühlt werden musste, wie das heute bei den Vakzine von Biontech-Pfizer bei sehr hohen Minusgraden für das Corona Virus der Fall ist.

 

In meinem kürzlich erschienenen Buch HEINRICH überschrieb ich ein Kapitel „Franz Kafka, die Spanische Grippe und ein kurzer Umriss der Seuchengeschichte“. Meine Familiengeschichte beschreibe ich im historischen Kontext. Dazu gehört auch ein etwas ausführlicherer Blick auf vergangene Pandemien. Insbesondere schien mir ihr jeweiliges Ende sehr interessant.

 

Bislang hat jede Pandemie die Welt verändert. In Hamburg kam es 1831/32 erstmals zu einer Cholera-Epidemie, weitere Epidemien folgten in den Jahren 1848 und 1873. Im August 1892 erfasste die Cholera die Stadt am schlimmsten. Ein drückend heißer Sommer mit flirrender Hitze – für Hamburg eher ungewöhnlich -  lastete über der Stadt. Die Pegelstände der Elbe waren auf einen Jahrhunderttiefstand gefallen. Das Wasser hatte sich auf 22 Grad Celsius erwärmt. Aus allen Kanälen drang ein unheimlicher Gestank durch die Gassen der Hansestadt. Es stank erbärmlich aus den Hafenbecken. Die Elbe war eine einzige Kloake. Während die Hitze das Leben in der Stadt lähmte, entfaltete sich im warmen, verdreckten Wasser eine Katastrophe. Ein Bakterium „Vibrio cholerae“, der Erreger der Cholera, verbreitete sich schnell und massiv. Es handelte sich um ein Bakterium aus der Gattung der Vibrionen. Die Zellen sind fakultativ anaerob, das bedeutet, sie können mit und ohne Sauerstoff leben. „Vibrio cholerae“ fand in der aufgewärmten Elbe ideale Bedingungen, um sich explosionsartig zu vermehren. Cholera ist eine  bakterielle Infektionskrankheit, bei der das Bakterium ein Gift im Darm bildet, das zu akutem Durchfall und lebensgefährlichem Flüssigkeitsverlust führt. Durch verunreinigtes Trinkwasser, verseuchte Nahrung und in seltenen Fällen auch durch direkten Kontakt zu Erkrankten kann der Mensch sich mit der Krankheit infizieren.

 

Unter anderen reiste auch Robert Koch 1883 nach Kalkutta, um die Krankheit während eines Ausbruchs direkt vor Ort genauer zu untersuchen. Tatsächlich gelang ihm Anfang 1884 das Bakterium „Vibrio cholerae“ zu identifizieren. Die ersten Impfstoffe gegen Cholera wurden Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt. Bei der Entwicklung des Impfstoffs gab es mehrere Pioniere. Max von Pettenkofer (1818-1901), ein bayerischer Chemiker, trank ein Glas voll mit Cholerabakterien, um zu beweisen, dass sie im gesunden Körper wenig Schaden anrichten. Im Jahr 1884 entwickelte der spanische Arzt und Bakteriologe Jaume Ferran i Clua (1851-1929) einen Lebendimpfstoff, den er in Marseille aus Cholerapatienten isoliert hatte. Der Impfstoff kam während der Choleraepidemie bei über 30 000 Personen in Valencia zum Einsatz. Waldemar Mordecai Haffkine (1860-1930), ein in der Ukraine geborener Bakteriologe, entwickelte einen Impfstoff mit weniger schweren Nebenwirkungen und testete ihn von 1893 bis 1896 an mehr als 40 000 Menschen in der Gegend von Kalkutta. Im Jahr 1896 entwickelte Wilhelm Kolle, ein deutscher Hygieniker und Bakteriologe, der von 1893 bis 1906 Mitarbeiter Robert Kochs war, einen hitzebehandelten Impfstoff, der wesentlich einfacher herzustellen war als der von Haffkine, und setzte diesen 1902 in Japan in großem Maßstab ein. Die ersten oral verabreichten Choleraimpfstoffe wurden erstmals in den 1990er Jahren eingeführt.


Eine weitere sehr sinnmachende Entwicklung wie Kanalisationskonzepte und das Wasser-Klosett gegen die Cholera Epidemie ersetzte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr zögerlich das Plumpsklo. München erhielt einen zweifelhaften Ruhm als eine der dreckigsten Städte Deutschlands. Es glich einer öffentlichen Latrine. Abfälle und Fäkalien landeten in Abortgruben oder auf der Straße, es stank zum Himmel. Kein Wunder, dass die Menschen an Typhus und Cholera litten. 1854 gipfelte dieser Zustand in einer großen Cholera-Epidemie, die mit der bayerischen Königin Therese auch ein prominentes Opfer forderte. Die Stadt bat den damals 35-jährigen LMU-Professor Pettenkofer um Hilfe. Dieser beschließt, etwas zu ändern.

 

Als Erfinder des Wasserklosetts gilt ein Brite Alexander Cumming (Uhrmacher, Mathematiker und Mechaniker) aus London. Er griff das „englische Klosett“ von Harrington auf und baute es mit einem S-förmigen Abflussrohr mit einem Siphon, um dem Geruch einzudämmen. Dieses Prinzip wird auch heute noch genauso angewandt. Für diese Entwicklung erhielt Cumming 1775 in London das Patent Nr. 814 und gilt seitdem als Erfinder der modernen Toilette, dem WC.

 

Bei meiner Frage, ob und wie Pandemien enden, stieß ich immer wieder auf Historiker, die ihr Ende vor allem auf zwei Arten beschreiben: ein medizinisches und/oder ein soziales Ende. Das medizinische Ende tritt dann ein, wenn die Zahl der Erkrankten stark zurückgeht. Wenn ein Großteil der Menschen die Infektion überstanden hat und vorerst immun gegen den Erreger ist, spricht man von einer Herdenimmunität oder wenn es wirksame Impfstoffe und Medikamente gibt.

 

Das soziale Ende ist eine bewusste Entscheidung und findet vor allem in den Köpfen der Menschen statt. Es tritt ein, wenn die Angst vor der Krankheit abnimmt, die Menschen die Einschränkungen nicht mehr hinnehmen wollen – und sukzessive lernen, mit der Krankheit zu leben.

 

Zu den Viruskrankheiten, die ein medizinisches Ende gefunden haben, gehören zum Beispiel die Pocken. Sie waren eine der tödlichsten Pandemien überhaupt. Im 20. Jahrhundert starben bis zu 500 Millionen Menschen an den Pocken, die Sterblichkeitsrate lag bei nahezu 30 Prozent. Übertragen wurden sie durch das Variolavirus. Im medizinischen Lexikon kann man nachlesen: Es gehört zu den Doppelstrang-DNA-Viren und wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Charakteristisch kommt es bei Personen, die mit Variolaviren infiziert sind, zu Fieber und Bläschenbildung an der Hautoberfläche.

 

Historische Schriften deuten darauf hin, dass es die Pocken bereits vor mehr als 3 000 Jahren gegeben hat. Wissenschaftler der Charité Berlin, der University of Cambridge und der University of Copenhagen haben in einer aktuellen Studie zum ersten Mal nachgewiesen, dass die Krankheit schon bei den Wikingern in der Zeit von 790–1070 n. Chr. im mitteleuropäischen Frühmittelalter vornehmlich im Nord- und Ostseeraum umging. Das Variolavirus wurde in bis zu 1400 Jahre alten Gebeinen aus Wikinger-Grabstätten in Dänemark, Norwegen, Schweden, Russland und England entdeckt. Personen, die mit dem Virus infiziert waren, entwickelten Fieber, dann einen Ausschlag, der sich in mit Eiter gefüllte Bläschen verwandelte, auch als Blattern bezeichnet, die verkrusteten, abfielen und Narben hinterließen.

 

Virologen hielten eine Ausrottung möglich wegen der »Schwachstellen« des Virus‘.  Das Pockenvirus wurde ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Es hatte keinen tierischen Wirt, in dem es überleben konnte. Dr. Barbara Mühlemann, Wissenschaftlerin des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) am Institut für Virologie am Campus Charité Mitte erklärt, „es gibt Krankheitserreger [wie zum Beispiel das Corona Virus], die sowohl im Menschen als auch in Wildtieren zirkulieren können. Selbst wenn ein Erreger im Menschen ausgerottet wird, kann er dann aus dem natürlichen Reservoir wieder in die menschliche Population eingetragen werden.“ Influenza-Viren etwa gehören dazu. Das Variolavirus aber, welches die Pocken auslöst, zirkulierte nur im Menschen. „Das, kombiniert mit einer wirksamen, einfach zu handhabenden Impfung, machte die Ausrottung möglich.“ Die Immunität hält ein Leben lang. Wer die Infektion überstanden hatte oder geimpft war, war ein Leben lang vor den Pocken geschützt. Eine dauerhafte Unterbrechung der Infektionsketten konnte die Seuche also zum Erlöschen bringen. Die Krankheit war klar erkennbar. Die Symptome waren eindeutig. So konnten Infizierte schnell ausfindig gemacht und isoliert werden. 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein bisher einzigartiges weltweites Impfprogramm und arbeitete sich von Kontinent zu Kontinent vor. Genauso wie wir es derzeitig von der weltweiten Impfaktion gegen das Corona Virus erleben. Schon nach 13 Jahren später erklärte die WHO die Erde für pockenfrei.

 

Zu den prominentesten Pocken-Kranken gehörten übrigens Mozart, Haydn, Goethe und Beethoven, obwohl keiner von ihnen tatsächlich an der Pockenkrankheit gestorben ist. Mit großen Interesse habe ich recherchiert, wie sie gestorben sind. Mozart schon mit 35 Jahren an einer viralen Halsentzündung, Haydn war für die damalige Zeit schon ziemlich alt, als er mit 77 Jahren an Altersschwäche starb, Goethe kränkelte zeitlebens und starb an einem Herzinfarkt, und Beethoven starb auch noch relativ jung mit 57 Jahren, nach neuesten Forschungen an einer Bleivergiftung, die den Wiener Wasserleitungen geschuldet war.

 

Doch zurück zur Spanischen Grippe, die ich in meinem neuen Buch »HEINRICH Geschichte einer Kaufmannsfamilie von 1807 bis 1945« insbesondere deshalb ins Spiel gebracht habe, um sie zum Vergleich zu der aktuellen Covid-19 Pandemie heranziehen zu können. Es geht mir immer noch um die Frage, wie und ob Pandemien irgendwann einmal enden und wie das mit der Spanischen Grippe vor nicht ganz 100 Jahren war: unerwartet und ziemlich unspektakulär.  Nach der dritten Welle im Sommer 1919 galt sie als besiegt. Doch Epidemiologen und Virologen stehen auf dem Standpunkt,
sie habe nie geendet. Die Spanische Grippe gehörte zu den bisher schlimmsten Pandemien der Menschheit in jüngster Zeit. Sie tötete weltweit in relativ kurzer Zeit mindestens 50 Millionen Menschen. Die erste Welle der Pandemie überzog im Frühjahr 1918 die USA und Europa und verbreitete sich weltweit weiter. Die meisten Todesfälle gab es in der zweiten Welle in einem Zeitraum von nur 16 Wochen im Herbst 1918. Der Erste Weltkrieg endete offiziell am 11. November 1918. Viele Menschen waren in dieser schlimmsten Kriegskatastrophe dermaßen paralysiert und traumatisiert, dass die Krankheit weder an ihrem eignen Leib noch in ihrer Umgebung richtig wahrgenommen wurde.

 

Ausbruch und Verlauf der Spanischen Grippe erfolgten oft sehr schnell, manche Patienten verstarben innerhalb weniger Stunden. Wer überlebte, litt oft noch wochenlang unter chronischer Erschöpfung, Depressionen und neurologischen Störungen. Im Juni 1919 flaute die Pandemie endlich ab. Sie endete medizinisch: Viele Menschen hatten eine Immunität aufgebaut. Wenn sie in den folgenden Jahren doch wieder mit dem H1N1 Virus infiziert wurden, war der Verlauf nicht mehr lebens-bedrohlich. Das Virus mutierte zunehmend in eine weniger aggressive Form. Unklar ist, wann genau die schwächere Mutation entstanden ist. Zusammen mit der hohen Grundimmunität sorgte das weniger tödliche Virus dafür, dass die pandemische Influenza-Welle in eine „normale“ Influenza überging.

 

Doch die Spanische Grippe endete auch sozial. Der Erste Weltkrieg war vorbei, die Menschen waren bereit für einen Neuanfang. Sie wollten Krieg und Krankheit hinter sich lassen und auch die Grippewelle schnell vergessen. Teilweise wurden die Isolationsmaßnahmen öffentlich aufgehoben, teilweise beschlossen die Menschen selbst, weniger Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten, um sich nach dem Krieg wieder ein Leben aufzubauen – auch, wenn dadurch Tote in Kauf genommen wurden. So ganz verschwand das Virus nie. Das H1N1-Virus gehört zu den Influenza-A-Viren. Bestimmte Varianten dieser Viren traten auch in späteren Pandemien wieder auf – etwa bei der Schweinegrippe, die sich 2009 und 2010 pandemisch ausbreitete. „Das ist eigentlich der gleiche Stamm. Durch Mutation oder durch Übertragung von ganzen Gensegmenten entstehen immer bestimmte Subtypen, die entweder relativ neu für den Menschen sind oder vollständig neu“, so der Arzt und Epidemiologe Dr. Jean-Baptist du Prel in der Reihe „Jahr100Wissen“ der Universität Wuppertal.

 

Heute rechnet die WHO damit, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung auch mit H1N1 durchseucht ist. Dieser Subtyp ist aber bei weitem nicht so krankheitserregend wie der Erreger der damaligen Spanischen Grippe. Auch diese Grippepandemien entstanden durch Influenza-A-Viren: Asiatische Grippe von 1957, etwa eine Million Tote (Subtyp H2N2), Hongkong Grippe von 1968, etwa eine Million Tote (Subtyp H3N2), Schweinegrippe von 2009/2010, über 150.000 Tote (Subtyp H1N1).

Was passierte mit dem ersten SARS-Virus (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom)? Bereits vor der jetzigen Pandemie führte ein SARS-Corona Virus zu einer weltweiten Pandemie und verursachte das schwere akute Atemwegssyndrom (SARS). SARS-CoV wurde erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet, danach verbreitete es sich über den internationalen Flugverkehr weltweit. Innerhalb von acht Monaten starben fast 800 Menschen an SARS, mehr als 8000 Menschen erkrankten schwer. Dennoch konnte die WHO die Pandemie relativ schnell in den Griff bekommen – am 5. Juli 2003 erklärt sie, die Ausbrüche seien weltweit eingedämmt worden. Dieser schnelle Erfolg hatte mehrere Gründe: SARS-CoV war nicht so ansteckend wie das aktuelle Corona Virus. Ein Unterschied: SARS-CoV vermehrte sich in der Lunge, nicht schon im Rachen – dadurch war es schwerer, andere anzustecken. Auch waren Infizierte etwa 10 Tage nach Auftreten der ersten Symptome am ansteckendsten. Man konnte Erkrankte also relativ gut erkennen und isolieren. SARS-CoV-2 dagegen ist, das zeigen mehrere Studien, bereits vor dem Auftreten von Symptomen und kurz danach besonders ansteckend. Der Erreger konnte schnell relativ gut erkannt werden. Labortests, die das Virus zweifelsfrei erkennen konnten, waren bereits Ende Mai 2003 verfügbar. Übrigens dank maßgeblicher Mitarbeit von       Prof. Christian Drosten. Der damals 30-jährige Wissenschaftler identifizierte den tödlichen Erreger mit Kollegen vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

 

Wie könnte die aktuelle COVID-19 Pandemie enden? Niemand weiß genau, wie sich die Pandemie entwickeln wird, ob das Virus weiter mutiert und/oder sich abschwächt. Was man sagen kann: Ein medizinisches Ende ist derzeit nicht in Sicht. Eine Ausrottung ist unwahrscheinlich: Das Virus hat einen tierischen Wirt, von dem es immer wieder auf den Menschen übergehen kann. Die aktuellen Daten zur Immunität und Meldungen zu Zweitinfektionen legen nahe, dass nicht mit einer lebenslangen Immunität gegen das Virus gerechnet werden kann. Forscher sehen laut einer aktuellen Studie allerdings Anzeichen dafür, dass sich das Virus endemisch entwickeln könnte, das bedeutet örtlich begrenzt auftretend in einem begrenzten Gebiet. Infektionen würde es somit weiterhin geben, die Schwere der Erkrankung könnte aber abnehmen.

 

Ob man sich mehrfach mit dem Corona Virus anstecken kann, ist bisher medizinisch ungeklärt. Unklar ist auch, ob eine Impfung tatsächlich vor einer Infektion schützen kann – oder „nur“ für einen leichteren Verlauf sorgen wird. Wissenschaftler vermuten, dass man sich mit den vier saisonalen Corona Viren immer wieder infizieren kann.

 

Gibt es vielleicht doch auch ein soziales Ende? Nach dem emeritierten Professor der Soziologie am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln Wolfgang Streeck (74)  weder verwandt noch verschwägert mit dem Virologen Hendrick Streeck, kommen in der Pandemiebekämpfung meist Virologen und Mediziner zu Wort. Soziologen finden nach seiner Meinung in den Expertenrunden bislang wenig Gehör. Monika Nellessen fragt ihn in einem Interview, abgedruckt im Darmstädter Echo vom 13.03.2021, wie er zu den Lockerungen beim Lockdown steht: „Letztes Frühjahr 2020 gab es wahrscheinlich keine andere Möglichkeit, als zu sagen: Wir sperren den Laden jetzt erst mal zu. Man hätte aber wissen können, dass man das nicht beliebig oft und beliebig lang wiederholen kann.  Eine Gesellschaft lässt sich nur für eine begrenzte Zeit stilllegen, dann brechen die Leute aus. Man sieht das ja jetzt; trotz steigender sogenannter Inzidenzzahlen löst sich der Lockdown auf. Im Grunde genommen steht dahinter das Eingeständnis der Politik, dass das Virus nie völlig verschwinden wird und wir lernen müssen mit ihm zu leben.“

 

Da weltweit der ökonomische Druck wächst und die Menschen eine gewisse „Corona-Müdigkeit“ zeigen, könnte es sein, dass die Corona Pandemie sozial endet, noch bevor sie medizinisch enden kann. Bereits im Herbst 2020 scheinen viele Menschen das Virus weniger ernst zu nehmen, die notwendigen Abstands- und Hygieneregeln seltener einzuhalten.

 

Prof. Heiner Fangerau, Medizinhistoriker und Medizinethiker, vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Düsseldorf kann sich folgendes „Ende“ der Corona-Pandemie vorstellen: „Das Corona Virus wird ein Begleiter unserer Gesellschaften bleiben. Wir werden uns arrangieren müssen. Das Mantra vom März war „Flatten the curve“ – (engl. für „die Kurve flacher machen“). Dieses Prinzip basiert auf dem Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Wachstum.  Wenn das weiter verfolgt wird, werden sich die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau einpendeln; irgendwann sinkt der Nachrichtenwert und die Aufmerksamkeit für die wenigen Infektionen wird schwinden.“ Das Abflachen der Kurve ist nur möglich, wenn wir alle dazu beitragen. Das heißt ein striktes Einhalten der Regeln, wie Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen. Wenn wir uns in geschlossene Räumen aufhalten, ist auch das regelmäßige Lüften sehr wichtig.

 

Am 9. März 2021 las ich den FAZ-Artikel mit der Überschrift „Stimmen können die Corona-Infektion verraten“ und hielt das, was da berichtet wurde, als Science-Fiction oder Fantasy komplett erfunden. Da wurde von einer Firma audEERING GmbH in Gilching, 2012 als Spin-Off (Ausgründung) der TU München, berichtet, dass sie als einziges europäisches Unternehmen Innovationstreiber im Bereich emotionaler künstlicher Intelligenz mit Fokus auf intelligente Audioanalyse ist: „Durch innovative Verfahren der maschinellen Intelligenz sowie Deep Learning ermöglichen audEERINGs Produkte u. a. die automatische Analyse von akustischen Umgebungen, Sprecherzuständen sowie über 50 verschiedenen Emotionsausprägungen."
Wikipedia: Deep Learning bezeichnet eine Methode des maschinellen Lernens, die künstliche neuronale Netze mit zahlreichen Zwischenschichten zwischen Eingabeschicht und Ausgabeschicht einsetzt und dadurch eine umfangreiche innere Struktur herausbildet. Es ist eine spezielle Methode der Informationsverarbeitung.

 

Die Vita der Vorstandsvorsitzenden Dagmar Schuller, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von audEERING liest sich spannend: „Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien und der New York University (L. Stern School of Business) mit den Schwerpunkten Internationales Management & Marketing, Finanzen und Informationstechnologie sowie Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Schwerpunkt IP / IT-Recht. Audeering“. Audeering hat sich durch einen sehr frühen Kontakt nach Wuhan, wo die Corona Pandemie ausbrach,  mit Covid-19 auseinandergesetzt. Grundlage der Forschung sind vorangegangene Ergebnisse, nach denen sich Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer, Depressionen und Burnout in einem sehr frühen Stadium durch Veränderungen in der Stimme diagnostizieren lassen. Nun gibt es auch einen fix und fertigen Corona-Test bei Audeering, bei dem nach nur 30 Sekunden normalem Sprechen auf ein Smartphone das positive oder negative Testergebnis feststeht. Audeering wollte bereits im Mai 2021 seinen Corona-Test auf den Markt bringen. Die Bürokratie in unserem Lande fordert aber noch deutlich mehr Daten, um eine Zulassung als Massentests zu genehmigen. Im Einzelnen soll es um Datensicherung und Datenschutz handeln, warum der Test noch keine Zulassung erhalten hat. Dagmar Schuller hofft auf eine Zulassung als Massentest im Sommer 2021.

 

Prof. Dr. Martin Booms sagte in einem am 22.03.2021 veröffentlichtem FAZ-Interview „dass uns, wenn wir die Pandemie einmal medizinisch im Griff haben, sie noch lange weiterbeschäftigen könnte [...], das Bild mit dem Licht am Ende des Tunnels führt in eine falsche Richtung“. Selbst nach der Durchimpfung könnten wir nicht einfach so weitermachen wie bisher, meint der Direktor der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur in Bonn. „Die wahren Herausforderungen des 21. Jahrhunderts warten erst noch auf uns. Wir werden ohnehin unsere Lebensweise, unsere Wertvorstellungen, unsere Wirtschaftsweise auf den Prüfstand stellen müssen. Ganz wichtig ist, dass wir diese Herausforderung akzeptieren und dabei nicht immer nur negativ bewerten als Bedrohung. Im notwendigen Wandel und der Entwicklung liegt auch eine Chance, ein anderes, neues gutes Leben zu entdecken“, rät der Philosoph.