Corona

 

24. März 2021

 „Meine Gedanken hinter den Nachrichten“ Corona-Essay von Dieter Heymann


Dieser Tage lese ich in der FAZ, dass Ralf Flinkenflügel die deutsche Spitzenküche für ebenso krisenresistent hält wie die deutsche Wirtschaft. Flinkenflügel ist Chefredakteur des »Guide Michelin« Deutschland und Schweiz, der Bibel aller Gourmets und Feinschmecker. Er prognostiziert vollmundig einen wahren Heißhunger auf exzellentes Essen nach der Wiederöffnung der Restaurants. Den Menschen sei während der Pandemie bewusst geworden, dass ein Restaurantbesuch nicht nur ein kulinarisches, sondern auch ein soziales Ereignis ist. Mein Großvater tröstete mich immer, wenn ich wieder einmal traurig war, mit den Worten „Essen hält Leib und Seele zusammen“ und lud mich in sein Stammlokal ein. Das war gewiss kein Sternerestaurant, aber mir hat das gut gefallen und er hatte Recht, danach blickte ich wieder freudiger auf die Welt. Dafür liebte ich meinen „Müller-Opa“.

 

Alle sehnen das Ende der Corona-Pandemie herbei. Doch wie kann ein Ende aussehen und wird es überhaupt eines geben? Verschwinden Viren irgendwann einfach? Eher nicht, wissen wir aus der Humanbiologie. Und ändert sich wirklich etwas, wenn wir alle geimpft sind? Wann ist endlich Schluss mit den AHA-Regeln? Der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier formulierte drastisch aber zutreffend dieser Tage nach einem Jahr Corona Pandemie „Die Leute haben die Schnauze voll“. Schauen wir uns einmal in der Geschichte der Pandemien um.

 

Pocken gab es schon sehr lange über viele Jahrhunderte. Doch wesentlich für den erfolgreichen Kampf gegen die Pocken war eine weltweite Impfkampagne, die von der Weltgesundheits-organisation WHO erst im Jahr 1967 gestartet wurde - mit einem sehr wirkungsvollen Impfstoff, der leicht zu handhaben war, weil er nicht gekühlt werden musste, wie das heute bei den Vakzine von Biontech-Pfizer bei sehr hohen Minusgraden für das Corona Virus der Fall ist.

 

In meinem kürzlich erschienenen Buch HEINRICH überschrieb ich ein Kapitel „Franz Kafka, die Spanische Grippe und ein kurzer Umriss der Seuchengeschichte“. Meine Familiengeschichte beschreibe ich im historischen Kontext. Dazu gehört auch ein etwas ausführlicherer Blick auf vergangene Pandemien. Insbesondere schien mir ihr jeweiliges Ende sehr interessant.

 

Bislang hat jede Pandemie die Welt verändert. In Hamburg kam es 1831/32 erstmals zu einer Cholera-Epidemie, weitere Epidemien folgten in den Jahren 1848 und 1873. Im August 1892 erfasste die Cholera die Stadt am schlimmsten. Ein drückend heißer Sommer mit flirrender Hitze – für Hamburg eher ungewöhnlich -  lastete über der Stadt. Die Pegelstände der Elbe waren auf einen Jahrhunderttiefstand gefallen. Das Wasser hatte sich auf 22 Grad Celsius erwärmt. Aus allen Kanälen drang ein unheimlicher Gestank durch die Gassen der Hansestadt. Es stank erbärmlich aus den Hafenbecken. Die Elbe war eine einzige Kloake. Während die Hitze das Leben in der Stadt lähmte, entfaltete sich im warmen, verdreckten Wasser eine Katastrophe. Ein Bakterium „Vibrio cholerae“, der Erreger der Cholera, verbreitete sich schnell und massiv. Es handelte sich um ein Bakterium aus der Gattung der Vibrionen. Die Zellen sind fakultativ anaerob, das bedeutet, sie können mit und ohne Sauerstoff leben. „Vibrio cholerae“ fand in der aufgewärmten Elbe ideale Bedingungen, um sich explosionsartig zu vermehren. Cholera ist eine  bakterielle Infektionskrankheit, bei der das Bakterium ein Gift im Darm bildet, das zu akutem Durchfall und lebensgefährlichem Flüssigkeitsverlust führt. Durch verunreinigtes Trinkwasser, verseuchte Nahrung und in seltenen Fällen auch durch direkten Kontakt zu Erkrankten kann der Mensch sich mit der Krankheit infizieren.

 

Unter anderen reiste auch Robert Koch 1883 nach Kalkutta, um die Krankheit während eines Ausbruchs direkt vor Ort genauer zu untersuchen. Tatsächlich gelang ihm Anfang 1884 das Bakterium „Vibrio cholerae“ zu identifizieren. Die ersten Impfstoffe gegen Cholera wurden Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt. Bei der Entwicklung des Impfstoffs gab es mehrere Pioniere. Max von Pettenkofer (1818-1901), ein bayerischer Chemiker, trank ein Glas voll mit Cholerabakterien, um zu beweisen, dass sie im gesunden Körper wenig Schaden anrichten. Im Jahr 1884 entwickelte der spanische Arzt und Bakteriologe Jaume Ferran i Clua (1851-1929) einen Lebendimpfstoff, den er in Marseille aus Cholerapatienten isoliert hatte. Der Impfstoff kam während der Choleraepidemie bei über 30 000 Personen in Valencia zum Einsatz. Waldemar Mordecai Haffkine (1860-1930), ein in der Ukraine geborener Bakteriologe, entwickelte einen Impfstoff mit weniger schweren Nebenwirkungen und testete ihn von 1893 bis 1896 an mehr als 40 000 Menschen in der Gegend von Kalkutta. Im Jahr 1896 entwickelte Wilhelm Kolle, ein deutscher Hygieniker und Bakteriologe, der von 1893 bis 1906 Mitarbeiter Robert Kochs war, einen hitzebehandelten Impfstoff, der wesentlich einfacher herzustellen war als der von Haffkine, und setzte diesen 1902 in Japan in großem Maßstab ein. Die ersten oral verabreichten Choleraimpfstoffe wurden erstmals in den 1990er Jahren eingeführt.


Eine weitere sehr sinnmachende Entwicklung wie Kanalisationskonzepte und das Wasser-Klosett gegen die Cholera Epidemie ersetzte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr zögerlich das Plumpsklo. München erhielt einen zweifelhaften Ruhm als eine der dreckigsten Städte Deutschlands. Es glich einer öffentlichen Latrine. Abfälle und Fäkalien landeten in Abortgruben oder auf der Straße, es stank zum Himmel. Kein Wunder, dass die Menschen an Typhus und Cholera litten. 1854 gipfelte dieser Zustand in einer großen Cholera-Epidemie, die mit der bayerischen Königin Therese auch ein prominentes Opfer forderte. Die Stadt bat den damals 35-jährigen LMU-Professor Pettenkofer um Hilfe. Dieser beschließt, etwas zu ändern.

 

Als Erfinder des Wasserklosetts gilt ein Brite Alexander Cumming (Uhrmacher, Mathematiker und Mechaniker) aus London. Er griff das „englische Klosett“ von Harrington auf und baute es mit einem S-förmigen Abflussrohr mit einem Siphon, um dem Geruch einzudämmen. Dieses Prinzip wird auch heute noch genauso angewandt. Für diese Entwicklung erhielt Cumming 1775 in London das Patent Nr. 814 und gilt seitdem als Erfinder der modernen Toilette, dem WC.

 

Bei meiner Frage, ob und wie Pandemien enden, stieß ich immer wieder auf Historiker, die ihr Ende vor allem auf zwei Arten beschreiben: ein medizinisches und/oder ein soziales Ende. Das medizinische Ende tritt dann ein, wenn die Zahl der Erkrankten stark zurückgeht. Wenn ein Großteil der Menschen die Infektion überstanden hat und vorerst immun gegen den Erreger ist, spricht man von einer Herdenimmunität oder wenn es wirksame Impfstoffe und Medikamente gibt.

 

Das soziale Ende ist eine bewusste Entscheidung und findet vor allem in den Köpfen der Menschen statt. Es tritt ein, wenn die Angst vor der Krankheit abnimmt, die Menschen die Einschränkungen nicht mehr hinnehmen wollen – und sukzessive lernen, mit der Krankheit zu leben.

 

Zu den Viruskrankheiten, die ein medizinisches Ende gefunden haben, gehören zum Beispiel die Pocken. Sie waren eine der tödlichsten Pandemien überhaupt. Im 20. Jahrhundert starben bis zu 500 Millionen Menschen an den Pocken, die Sterblichkeitsrate lag bei nahezu 30 Prozent. Übertragen wurden sie durch das Variolavirus. Im medizinischen Lexikon kann man nachlesen: Es gehört zu den Doppelstrang-DNA-Viren und wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Charakteristisch kommt es bei Personen, die mit Variolaviren infiziert sind, zu Fieber und Bläschenbildung an der Hautoberfläche.

 

Historische Schriften deuten darauf hin, dass es die Pocken bereits vor mehr als 3 000 Jahren gegeben hat. Wissenschaftler der Charité Berlin, der University of Cambridge und der University of Copenhagen haben in einer aktuellen Studie zum ersten Mal nachgewiesen, dass die Krankheit schon bei den Wikingern in der Zeit von 790–1070 n. Chr. im mitteleuropäischen Frühmittelalter vornehmlich im Nord- und Ostseeraum umging. Das Variolavirus wurde in bis zu 1400 Jahre alten Gebeinen aus Wikinger-Grabstätten in Dänemark, Norwegen, Schweden, Russland und England entdeckt. Personen, die mit dem Virus infiziert waren, entwickelten Fieber, dann einen Ausschlag, der sich in mit Eiter gefüllte Bläschen verwandelte, auch als Blattern bezeichnet, die verkrusteten, abfielen und Narben hinterließen.

 

Virologen hielten eine Ausrottung möglich wegen der »Schwachstellen« des Virus‘.  Das Pockenvirus wurde ausschließlich von Mensch zu Mensch übertragen. Es hatte keinen tierischen Wirt, in dem es überleben konnte. Dr. Barbara Mühlemann, Wissenschaftlerin des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) am Institut für Virologie am Campus Charité Mitte erklärt, „es gibt Krankheitserreger [wie zum Beispiel das Corona Virus], die sowohl im Menschen als auch in Wildtieren zirkulieren können. Selbst wenn ein Erreger im Menschen ausgerottet wird, kann er dann aus dem natürlichen Reservoir wieder in die menschliche Population eingetragen werden.“ Influenza-Viren etwa gehören dazu. Das Variolavirus aber, welches die Pocken auslöst, zirkulierte nur im Menschen. „Das, kombiniert mit einer wirksamen, einfach zu handhabenden Impfung, machte die Ausrottung möglich.“ Die Immunität hält ein Leben lang. Wer die Infektion überstanden hatte oder geimpft war, war ein Leben lang vor den Pocken geschützt. Eine dauerhafte Unterbrechung der Infektionsketten konnte die Seuche also zum Erlöschen bringen. Die Krankheit war klar erkennbar. Die Symptome waren eindeutig. So konnten Infizierte schnell ausfindig gemacht und isoliert werden. 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein bisher einzigartiges weltweites Impfprogramm und arbeitete sich von Kontinent zu Kontinent vor. Genauso wie wir es derzeitig von der weltweiten Impfaktion gegen das Corona Virus erleben. Schon nach 13 Jahren später erklärte die WHO die Erde für pockenfrei.

 

Zu den prominentesten Pocken-Kranken gehörten übrigens Mozart, Haydn, Goethe und Beethoven, obwohl keiner von ihnen tatsächlich an der Pockenkrankheit gestorben ist. Mit großen Interesse habe ich recherchiert, wie sie gestorben sind. Mozart schon mit 35 Jahren an einer viralen Halsentzündung, Haydn war für die damalige Zeit schon ziemlich alt, als er mit 77 Jahren an Altersschwäche starb, Goethe kränkelte zeitlebens und starb an einem Herzinfarkt, und Beethoven starb auch noch relativ jung mit 57 Jahren, nach neuesten Forschungen an einer Bleivergiftung, die den Wiener Wasserleitungen geschuldet war.

 

Doch zurück zur Spanischen Grippe, die ich in meinem neuen Buch »HEINRICH Geschichte einer Kaufmannsfamilie von 1807 bis 1945« insbesondere deshalb ins Spiel gebracht habe, um sie zum Vergleich zu der aktuellen Covid-19 Pandemie heranziehen zu können. Es geht mir immer noch um die Frage, wie und ob Pandemien irgendwann einmal enden und wie das mit der Spanischen Grippe vor nicht ganz 100 Jahren war: unerwartet und ziemlich unspektakulär.  Nach der dritten Welle im Sommer 1919 galt sie als besiegt. Doch Epidemiologen und Virologen stehen auf dem Standpunkt,
sie habe nie geendet. Die Spanische Grippe gehörte zu den bisher schlimmsten Pandemien der Menschheit in jüngster Zeit. Sie tötete weltweit in relativ kurzer Zeit mindestens 50 Millionen Menschen. Die erste Welle der Pandemie überzog im Frühjahr 1918 die USA und Europa und verbreitete sich weltweit weiter. Die meisten Todesfälle gab es in der zweiten Welle in einem Zeitraum von nur 16 Wochen im Herbst 1918. Der Erste Weltkrieg endete offiziell am 11. November 1918. Viele Menschen waren in dieser schlimmsten Kriegskatastrophe dermaßen paralysiert und traumatisiert, dass die Krankheit weder an ihrem eignen Leib noch in ihrer Umgebung richtig wahrgenommen wurde.

 

Ausbruch und Verlauf der Spanischen Grippe erfolgten oft sehr schnell, manche Patienten verstarben innerhalb weniger Stunden. Wer überlebte, litt oft noch wochenlang unter chronischer Erschöpfung, Depressionen und neurologischen Störungen. Im Juni 1919 flaute die Pandemie endlich ab. Sie endete medizinisch: Viele Menschen hatten eine Immunität aufgebaut. Wenn sie in den folgenden Jahren doch wieder mit dem H1N1 Virus infiziert wurden, war der Verlauf nicht mehr lebens-bedrohlich. Das Virus mutierte zunehmend in eine weniger aggressive Form. Unklar ist, wann genau die schwächere Mutation entstanden ist. Zusammen mit der hohen Grundimmunität sorgte das weniger tödliche Virus dafür, dass die pandemische Influenza-Welle in eine „normale“ Influenza überging.

 

Doch die Spanische Grippe endete auch sozial. Der Erste Weltkrieg war vorbei, die Menschen waren bereit für einen Neuanfang. Sie wollten Krieg und Krankheit hinter sich lassen und auch die Grippewelle schnell vergessen. Teilweise wurden die Isolationsmaßnahmen öffentlich aufgehoben, teilweise beschlossen die Menschen selbst, weniger Vorsichtsmaßnahmen einzuhalten, um sich nach dem Krieg wieder ein Leben aufzubauen – auch, wenn dadurch Tote in Kauf genommen wurden. So ganz verschwand das Virus nie. Das H1N1-Virus gehört zu den Influenza-A-Viren. Bestimmte Varianten dieser Viren traten auch in späteren Pandemien wieder auf – etwa bei der Schweinegrippe, die sich 2009 und 2010 pandemisch ausbreitete. „Das ist eigentlich der gleiche Stamm. Durch Mutation oder durch Übertragung von ganzen Gensegmenten entstehen immer bestimmte Subtypen, die entweder relativ neu für den Menschen sind oder vollständig neu“, so der Arzt und Epidemiologe Dr. Jean-Baptist du Prel in der Reihe „Jahr100Wissen“ der Universität Wuppertal.

 

Heute rechnet die WHO damit, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung auch mit H1N1 durchseucht ist. Dieser Subtyp ist aber bei weitem nicht so krankheitserregend wie der Erreger der damaligen Spanischen Grippe. Auch diese Grippepandemien entstanden durch Influenza-A-Viren: Asiatische Grippe von 1957, etwa eine Million Tote (Subtyp H2N2), Hongkong Grippe von 1968, etwa eine Million Tote (Subtyp H3N2), Schweinegrippe von 2009/2010, über 150.000 Tote (Subtyp H1N1).

Was passierte mit dem ersten SARS-Virus (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom)? Bereits vor der jetzigen Pandemie führte ein SARS-Corona Virus zu einer weltweiten Pandemie und verursachte das schwere akute Atemwegssyndrom (SARS). SARS-CoV wurde erstmals im November 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong beobachtet, danach verbreitete es sich über den internationalen Flugverkehr weltweit. Innerhalb von acht Monaten starben fast 800 Menschen an SARS, mehr als 8000 Menschen erkrankten schwer. Dennoch konnte die WHO die Pandemie relativ schnell in den Griff bekommen – am 5. Juli 2003 erklärt sie, die Ausbrüche seien weltweit eingedämmt worden. Dieser schnelle Erfolg hatte mehrere Gründe: SARS-CoV war nicht so ansteckend wie das aktuelle Corona Virus. Ein Unterschied: SARS-CoV vermehrte sich in der Lunge, nicht schon im Rachen – dadurch war es schwerer, andere anzustecken. Auch waren Infizierte etwa 10 Tage nach Auftreten der ersten Symptome am ansteckendsten. Man konnte Erkrankte also relativ gut erkennen und isolieren. SARS-CoV-2 dagegen ist, das zeigen mehrere Studien, bereits vor dem Auftreten von Symptomen und kurz danach besonders ansteckend. Der Erreger konnte schnell relativ gut erkannt werden. Labortests, die das Virus zweifelsfrei erkennen konnten, waren bereits Ende Mai 2003 verfügbar. Übrigens dank maßgeblicher Mitarbeit von       Prof. Christian Drosten. Der damals 30-jährige Wissenschaftler identifizierte den tödlichen Erreger mit Kollegen vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.

 

Wie könnte die aktuelle COVID-19 Pandemie enden? Niemand weiß genau, wie sich die Pandemie entwickeln wird, ob das Virus weiter mutiert und/oder sich abschwächt. Was man sagen kann: Ein medizinisches Ende ist derzeit nicht in Sicht. Eine Ausrottung ist unwahrscheinlich: Das Virus hat einen tierischen Wirt, von dem es immer wieder auf den Menschen übergehen kann. Die aktuellen Daten zur Immunität und Meldungen zu Zweitinfektionen legen nahe, dass nicht mit einer lebenslangen Immunität gegen das Virus gerechnet werden kann. Forscher sehen laut einer aktuellen Studie allerdings Anzeichen dafür, dass sich das Virus endemisch entwickeln könnte, das bedeutet örtlich begrenzt auftretend in einem begrenzten Gebiet. Infektionen würde es somit weiterhin geben, die Schwere der Erkrankung könnte aber abnehmen.

 

Ob man sich mehrfach mit dem Corona Virus anstecken kann, ist bisher medizinisch ungeklärt. Unklar ist auch, ob eine Impfung tatsächlich vor einer Infektion schützen kann – oder „nur“ für einen leichteren Verlauf sorgen wird. Wissenschaftler vermuten, dass man sich mit den vier saisonalen Corona Viren immer wieder infizieren kann.

 

Gibt es vielleicht doch auch ein soziales Ende? Nach dem emeritierten Professor der Soziologie am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln Wolfgang Streeck (74)  weder verwandt noch verschwägert mit dem Virologen Hendrick Streeck, kommen in der Pandemiebekämpfung meist Virologen und Mediziner zu Wort. Soziologen finden nach seiner Meinung in den Expertenrunden bislang wenig Gehör. Monika Nellessen fragt ihn in einem Interview, abgedruckt im Darmstädter Echo vom 13.03.2021, wie er zu den Lockerungen beim Lockdown steht: „Letztes Frühjahr 2020 gab es wahrscheinlich keine andere Möglichkeit, als zu sagen: Wir sperren den Laden jetzt erst mal zu. Man hätte aber wissen können, dass man das nicht beliebig oft und beliebig lang wiederholen kann.  Eine Gesellschaft lässt sich nur für eine begrenzte Zeit stilllegen, dann brechen die Leute aus. Man sieht das ja jetzt; trotz steigender sogenannter Inzidenzzahlen löst sich der Lockdown auf. Im Grunde genommen steht dahinter das Eingeständnis der Politik, dass das Virus nie völlig verschwinden wird und wir lernen müssen mit ihm zu leben.“

 

Da weltweit der ökonomische Druck wächst und die Menschen eine gewisse „Corona-Müdigkeit“ zeigen, könnte es sein, dass die Corona Pandemie sozial endet, noch bevor sie medizinisch enden kann. Bereits im Herbst 2020 scheinen viele Menschen das Virus weniger ernst zu nehmen, die notwendigen Abstands- und Hygieneregeln seltener einzuhalten.

 

Prof. Heiner Fangerau, Medizinhistoriker und Medizinethiker, vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Düsseldorf kann sich folgendes „Ende“ der Corona-Pandemie vorstellen: „Das Corona Virus wird ein Begleiter unserer Gesellschaften bleiben. Wir werden uns arrangieren müssen. Das Mantra vom März war „Flatten the curve“ – (engl. für „die Kurve flacher machen“). Dieses Prinzip basiert auf dem Unterschied zwischen linearem und exponentiellem Wachstum.  Wenn das weiter verfolgt wird, werden sich die Infektionszahlen auf niedrigem Niveau einpendeln; irgendwann sinkt der Nachrichtenwert und die Aufmerksamkeit für die wenigen Infektionen wird schwinden.“ Das Abflachen der Kurve ist nur möglich, wenn wir alle dazu beitragen. Das heißt ein striktes Einhalten der Regeln, wie Abstand halten, Hygiene beachten und im Alltag Maske tragen. Wenn wir uns in geschlossene Räumen aufhalten, ist auch das regelmäßige Lüften sehr wichtig.

 

Am 9. März 2021 las ich den FAZ-Artikel mit der Überschrift „Stimmen können die Corona-Infektion verraten“ und hielt das, was da berichtet wurde, als Science-Fiction oder Fantasy komplett erfunden. Da wurde von einer Firma audEERING GmbH in Gilching, 2012 als Spin-Off (Ausgründung) der TU München, berichtet, dass sie als einziges europäisches Unternehmen Innovationstreiber im Bereich emotionaler künstlicher Intelligenz mit Fokus auf intelligente Audioanalyse ist: „Durch innovative Verfahren der maschinellen Intelligenz sowie Deep Learning ermöglichen audEERINGs Produkte u. a. die automatische Analyse von akustischen Umgebungen, Sprecherzuständen sowie über 50 verschiedenen Emotionsausprägungen."
Wikipedia: Deep Learning bezeichnet eine Methode des maschinellen Lernens, die künstliche neuronale Netze mit zahlreichen Zwischenschichten zwischen Eingabeschicht und Ausgabeschicht einsetzt und dadurch eine umfangreiche innere Struktur herausbildet. Es ist eine spezielle Methode der Informationsverarbeitung.

 

Die Vita der Vorstandsvorsitzenden Dagmar Schuller, Geschäftsführerin und Mitbegründerin von audEERING liest sich spannend: „Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien und der New York University (L. Stern School of Business) mit den Schwerpunkten Internationales Management & Marketing, Finanzen und Informationstechnologie sowie Jura an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit Schwerpunkt IP / IT-Recht. Audeering“. Audeering hat sich durch einen sehr frühen Kontakt nach Wuhan, wo die Corona Pandemie ausbrach,  mit Covid-19 auseinandergesetzt. Grundlage der Forschung sind vorangegangene Ergebnisse, nach denen sich Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer, Depressionen und Burnout in einem sehr frühen Stadium durch Veränderungen in der Stimme diagnostizieren lassen. Nun gibt es auch einen fix und fertigen Corona-Test bei Audeering, bei dem nach nur 30 Sekunden normalem Sprechen auf ein Smartphone das positive oder negative Testergebnis feststeht. Audeering wollte bereits im Mai 2021 seinen Corona-Test auf den Markt bringen. Die Bürokratie in unserem Lande fordert aber noch deutlich mehr Daten, um eine Zulassung als Massentests zu genehmigen. Im Einzelnen soll es um Datensicherung und Datenschutz handeln, warum der Test noch keine Zulassung erhalten hat. Dagmar Schuller hofft auf eine Zulassung als Massentest im Sommer 2021.

 

Prof. Dr. Martin Booms sagte in einem am 22.03.2021 veröffentlichtem FAZ-Interview „dass uns, wenn wir die Pandemie einmal medizinisch im Griff haben, sie noch lange weiterbeschäftigen könnte [...], das Bild mit dem Licht am Ende des Tunnels führt in eine falsche Richtung“. Selbst nach der Durchimpfung könnten wir nicht einfach so weitermachen wie bisher, meint der Direktor der Akademie für Sozialethik und Öffentliche Kultur in Bonn. „Die wahren Herausforderungen des 21. Jahrhunderts warten erst noch auf uns. Wir werden ohnehin unsere Lebensweise, unsere Wertvorstellungen, unsere Wirtschaftsweise auf den Prüfstand stellen müssen. Ganz wichtig ist, dass wir diese Herausforderung akzeptieren und dabei nicht immer nur negativ bewerten als Bedrohung. Im notwendigen Wandel und der Entwicklung liegt auch eine Chance, ein anderes, neues gutes Leben zu entdecken“, rät der Philosoph.

 


 

29. März 2020 Werner Nüsseler

Lieber Dieter,

mit großem Interesse habe ich dein Corona-Essay gelesen. Vor allen Dingen hast du eine Fleißarbeit geleistet, bei der du historische Sachverhalte übersichtlich und gut verständlich erläutert hast. Du beschreibst die Pandemien, wie sie entstanden sind und wie sie bekämpft wurden. Und welche humanitären und sozialen Auswirkungen dabei für die Menschen auftraten. Und wie mühevoll und oft nur in kleinen Schritten jeweils Verbesserungen medizinisch, technisch und auch im Bewustsein der Köpfe erreicht wurden.

 

Aus der Vergangenheit über die Gegenwart nun in die Zukunft gedacht, werden diese Prozesse gleich bleiben. Vakzine werden entwickelt und verbessert, technische Schutzvorrichtungen werden installiert, und in den Köpfen etablieren sich Verhaltensweisen, wie das Verringern persönlicher Kontakte, das Abstandhalten, kein Händeschütteln, keine Küsschen-Kultur, häufigeres Händewaschen, Vermeidung öffentlicher Toiletten, usw. Sich langsam einspielende Verhaltensweisen bei Theater-, Kino-, Fitnesstudio- oder Kirchenbesuchen. Reisen, insbesondere Flugreisen werden nur nach reiflicher Überlegung durchgeführt.

 

Hinzu kommt dann auch noch ein weiterer Bewustseinswandel durch die Klimadebatten und schon bestehende Klimaveränderungen, besonders bei der jüngeren Generation. Ich glaube also, die Welt wird eine andere sein, als wie wir sie noch vor wenigen Jahren erlebt haben. Schon die Kleinsten lernen in der Kita Temperaturmessungen, Händewaschen und sogar Testabstriche. So geht es in den Schulen weiter. Und sie lernen, dass Präsenzunterricht ein besonderes Privileg ist. PC, Laptop und Smartphone sind existenziell und werden es auch bleiben. 
Vielleicht setzt sich auch eine neue Bescheidenheit durch. Nicht immer nur größer, weiter, höher und mehr. Du weisst ja selber, das davon das Glück der Menschen nicht abhängt.
Zur Sprache möchte ich aber auch in diesem Zusammenhang den Begriff der Überbevölkerung bringen. Ja ich weiss, er ist sehr umstritten. Aber immer mehr Menschen in immer größer werdenden Städten auf immer enger werdendem Raum fördern geradezu die Verbreitung von Viren, Bakterien und Seuchen. Auch das kann man aus der Rückschau nachverfolgen und dann auf die Zukunft projizieren. Ist hier nicht die Pandemie vielleicht die Art und Weise, wie auf natürlichem Wege die Überbevölkerung begrenzt wird? 

 

So weit mal meine Gedanken. Ich habe mich geduldig in die häusliche Isolation gefügt. Natürlich fehlen mir die Kontakte und Gespräche mit den Kindern und Enkeln, mit den Filmclubfreunden, mit den Sportkameraden, mit den vielen Menschen in der Akademie. Einkaufen und Arztbesuche sind da nur ein schwacher Ausgleich. Doch der allabendliche Blick auf die Inzidenzzahlen bestätigt mein derzeitiges Verhalten.

 

So grüßt dich ein dennoch zufriedener und optimistischer 
Werner